Also schlug der HErr den Benjamin vor den Kindern Israel, dass die Kinder Israel auf den Tag verderbten fünfundzwanzigtausend und hundert Mann in Benjamin, die alle das Schwert führten.
Ri 20,35
Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984
Die Tür
Es ist eine der dunkelsten Geschichten, die die Bibel zu bieten hat, und das will etwas heißen. Sie beginnt fast idyllisch und endet im Herzen der Finsternis. Ich tue es nicht gern, aber ich muß die Geschichte erzählen, bevor ich etwas dazu sagen kann. Sie spielt in der Zeit nach der Landnahme der Israeliten, bevor sich ein Königtum etablieren kann. Es gibt zwei Teile: der erste handelt von Individuen, der andere von großen Kollektiven.
Die Menschen — Richter 19
Die Nebenfrau eines Leviten trennt sich im Streit von ihrem Mann und geht zurück zu ihrem Vater nach Bethlehem in Juda. Nach vier Monaten reist der Ehemann ihr nach, versöhnt sich mit ihr und der Vater bittet sie, noch einige Tage zu bleiben. Sie essen und sie trinken. Auf ihrer Reise zurück ins Gebirge Ephraim wollen die Eheleute in der Stadt Gibea übernachten. Das ist eine Stadt im Land Benjamin, dem kleinsten Stamm der Israeliten.
Niemand will ihnen Obdach geben. Als sie daher im Freien auf dem Platz der Stadt kampieren wollen, nimmt ein alter Mann sie in sein Haus. Er kommt aus der gleichen Gegend wie die Reisenden und sagt, sie dürften nicht auf dem Patz übernachten. Als es ganz dunkel wird, umstellen Männer aus Gibea das Haus und verlangen von dem alten Mann, seinen Gast herauszugeben, damit sie ihn mißbrauchen können. Der alte Mann verweigert das und bietet der Meute seine eigene Tochter und die Nebenfrau des Leviten an. Den Männern reicht das nicht. Da packt der Levit seine Nebenfrau und liefert sie den Männern draussen aus. Dann schließt sich die Tür des Hauses.
Am Morgen öffnet sie sich wieder. Der Levit war aufgestanden und will weiterziehen. Er sieht seine Nebenfrau vor der Tür liegen. Sie lebt nicht mehr. Die Männer draußen hatten die Frau die ganze Nacht über vergewaltigt und erst gehen lassen, als der Tag anbrach. Sie schleppte sich zur Tür des alten Mannes und war dort liegen geblieben. Der Levit packt den Leichnam auf seinen Esel und zieht zurück in sein Haus im Gebirge Ephraim. Dort zerteilt er den Körper seiner Frau in zwölf Stücke. Er schickt sie an die Stämme in ganz Israel und verlangt ein Urteil.
Die Stämme — Richter 20
Und die Stämme versammeln sich. Das Urteil ist einhellig — Blutrache! Elf Stämme ziehen nach Gibea. Benjamin soll die Vergewaltiger herausgeben. Aber der Stamm verweigert das, und so wird die Stadt belagert. In Bethel fragen die Israeliten Gott, was zu tun sei. Der Herr spricht: Juda soll den ersten Angriff führen. Die Kämpfer von Juda attackieren die Stadt und werden nach einem Ausfall der belagerten Benjaminiter vernichtend geschlagen — 22.000 Gefallene. Gott verlangt einen weiteren Angriff, diesmal von allen Stämmen gemeinsam. Aber nach einem gewaltigen Ausbruch der Belagerten scheitert auch dieser Versuch. Noch einmal 18.000 Gefallene auf Seiten der verbündeten Israeliten.
Beim dritten Mal wenden die Angreifer eine List an. Die Israeliten teilen sich in zwei Heerhaufen. Der erste wendet sich gut sichtbar gegen Gibea und greift an. Der zweite Haufen hält sich versteckt. Als die Kämpfer von Benjamin wiederum einen Ausfall machen, fliehen die Kämpfer der ersten Armee und die Verteidiger setzen nach. Da kommt der zweite Heerhaufen aus dem Hintergrund, fällt in die unverteidigte Stadt ein und setzt sie in Brand. Die Kämpfer aus Gibea ausserhalb der Stadt sehen den Rauch und wenden sich erschrocken um. Aber jetzt geraten sie zwischen die beiden israelitischen Heerhaufen und werden zerrieben.
Das ist unser Vers. Eine Katastrophe. Aus Benjamin fallen 25.100 Kämpfer, so steht es geschrieben, und die Gibea ist vernichtet. Mit den Opfern aus den ersten beiden Schlachten zählt man auf beiden Seiten mindestens 65.100 Gefallene. Es sind viel mehr: die Erzählung nennt für jede der Schlachten ausdrücklich nur die Gefallenen der unterlegenen Seite, und über die Einwohnerschaft der Stadt, darunter Frauen und Kinder, wird gar nicht erst gesprochen.
Was soll das? Was haben uns diese vielen Toten zu sagen?
Die Bibel spricht hier mit sich selbst. Der erste Teil ist deutlich sichtbar und in Teilen fast wörtlich ein Re-enactment der Vorgeschichte zum Untergangs von Sodom, siehe Gen 19 und den BdW 25/2023. Des Herren Wertung ist bekannt: Gott selbst vernichtet Sodom. Auch der zweite Teil ist ein sprechendes Zitat: Die List der Israeliten hatte in exakt derselben Weise schon Josua bei der Eroberung von Ai in Kanaan gebraucht, siehe Jos 8, 15-17. Das Vorhaben der vereinten Israeliten gelingt erst, als sie den Krieg führen wie weiland bei der Einnahme des Heiligen Landes — als Bannkrieg, mit vollem Einsatz und ohne jede Rücksicht auf den Feind. So muß man vorgehen, wenn Volksgenossen das Gesetz des Herrn verletzen, sagt die Geschichte. Solche Menschen stellen sich ausserhalb des Bundes. Sie sind Gottes Feinde und werden so behandelt.
Beide Teile der Geschichte werfen viele Fragen auf. Was denken Sie über das Verhalten des alten Mannes? Und über das des Ehemanns? Er verhält sich seiner Nebenfrau gegenüber kaum besser als die Männer draussen vor der Tür. Und das Ende — am Ende ist der Konflikt gelöst und das Recht wieder hergestellt. Aber was denken Sie, hätte es einen weniger blutigen Weg dahin gegeben, mit des allmächtigen Gottes Hilfe?
Diese letzte Frage ist ein Schlüssel für die Geschichte als Ganze. Im Buch Richter wird immer deutlicher, dass ein Königtum in Israel nötig ist — NOTwendig. Ein starker König hätte die Mittel, den Willen der Marodeure und ihres Stammes einfacher und mit geringeren Folgen zu brechen. Oder besser noch: der Übergriff wäre nie geschehen. Das war vielleicht der Traum desjenigen, der diese Geschichte aufgeschrieben hat.
Ich habe in dieser Woche einen Bericht einer Missionarin aus Mexiko gelesen. Der Führer eines mächtigen Drogenkartells wurde getötet, und nun herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände in mehreren Landesteilen. Die Menschen dort würden vermutlich alles tun für einen starken und gerechten Staat. Auch solche Geschichten würden sie schreiben, wenn es etwas helfen könnte. Aber die Staatsgewalt ist schwach und korrupt und manchmal selbst kriminell.
Deutsche neigen dazu, schlecht über ihre Heimat zu reden. Manchmal mit gutem Grund. Und manchmal zeigt es nur, wie wenig sie wissen von der Welt.
Gott ist gut. Das äußert sich wesentlich auch darin, dass er uns hilft, das Gute zu tun, und nicht das Böse. Angesichts dieser furchtbaren Geschichte will ich das zuspitzen, auch mit Blick auf die Verse der letzten beiden Wochen: Gott ist so gut, wie wir es zulassen!
Vielleicht hilft das, Gibea zu verstehen — und Mexiko und Gaza, die Ukraine, den Iran und den Sudan.
Gottes Segen sei mit uns, in dieser Woche und immer,
Ulf von Kalckreuth
