Bibelvers der Woche 11/2026

Schwere eisenzeitliche Tür, die das rote Glühen der Nacht draussen halten soll

Also schlug der HErr den Benjamin vor den Kindern Israel, dass die Kinder Israel auf den Tag verderbten fünfundzwanzigtausend und hundert Mann in Benjamin, die alle das Schwert führten.
Ri 20,35

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984

Die Tür

Es ist eine der dunkelsten Geschichten, die die Bibel zu bieten hat, und das will etwas heißen. Sie beginnt fast idyllisch und endet im Herzen der Finsternis. Ich tue es nicht gern, aber ich muß die Geschichte erzählen, bevor ich etwas dazu sagen kann. Sie spielt in der Zeit nach der Landnahme der Israeliten, bevor sich ein Königtum etablieren kann. Es gibt zwei Teile: der erste handelt von Individuen, der andere von großen Kollektiven. 

Die Menschen — Richter 19

Die Nebenfrau eines Leviten trennt sich im Streit von ihrem Mann und geht zurück zu ihrem Vater nach Bethlehem in Juda. Nach vier Monaten reist der Ehemann ihr nach, versöhnt sich mit ihr und der Vater bittet sie, noch einige Tage zu bleiben. Sie essen und sie trinken. Auf ihrer Reise zurück ins Gebirge Ephraim wollen die Eheleute in der Stadt Gibea übernachten. Das ist eine Stadt im Land Benjamin, dem kleinsten Stamm der Israeliten. 

Niemand will ihnen Obdach geben. Als sie daher im Freien auf dem Platz der Stadt kampieren wollen, nimmt ein alter Mann sie in sein Haus. Er kommt aus der gleichen Gegend wie die Reisenden und sagt, sie dürften nicht auf dem Patz übernachten. Als es ganz dunkel wird, umstellen Männer aus Gibea das Haus und verlangen von dem alten Mann, seinen Gast herauszugeben, damit sie ihn mißbrauchen können. Der alte Mann verweigert das und bietet der Meute seine eigene Tochter und die Nebenfrau des Leviten an. Den Männern reicht das nicht. Da packt der Levit seine Nebenfrau und liefert sie den Männern draussen aus. Dann schließt sich die Tür des Hauses.

Am Morgen öffnet sie sich wieder. Der Levit war aufgestanden und will weiterziehen. Er sieht seine Nebenfrau vor der Tür liegen. Sie lebt nicht mehr. Die Männer draußen hatten die Frau die ganze Nacht über vergewaltigt und erst gehen lassen, als der Tag anbrach. Sie schleppte sich zur Tür des alten Mannes und war dort liegen geblieben. Der Levit packt den Leichnam auf seinen Esel und zieht zurück in sein Haus im Gebirge Ephraim. Dort zerteilt er den Körper seiner Frau in zwölf Stücke. Er schickt sie an die Stämme in ganz Israel und verlangt ein Urteil.

Die Stämme — Richter 20

Und die Stämme versammeln sich. Das Urteil ist einhellig — Blutrache! Elf Stämme ziehen nach Gibea. Benjamin soll die Vergewaltiger herausgeben. Aber der Stamm verweigert das, und so wird die Stadt belagert. In Bethel fragen die Israeliten Gott, was zu tun sei. Der Herr spricht: Juda soll den ersten Angriff führen. Die Kämpfer von Juda attackieren die Stadt und werden nach einem Ausfall der belagerten Benjaminiter vernichtend geschlagen — 22.000 Gefallene. Gott verlangt einen weiteren Angriff, diesmal von allen Stämmen gemeinsam. Aber nach einem gewaltigen Ausbruch der Belagerten scheitert auch dieser Versuch. Noch einmal 18.000 Gefallene auf Seiten der verbündeten Israeliten. 

Beim dritten Mal wenden die Angreifer eine List an. Die Israeliten teilen sich in zwei Heerhaufen. Der erste wendet sich gut sichtbar gegen Gibea und greift an. Der zweite Haufen hält sich versteckt. Als die Kämpfer von Benjamin wiederum einen Ausfall machen, fliehen die Kämpfer der ersten Armee und die Verteidiger setzen nach. Da kommt der zweite Heerhaufen aus dem Hintergrund, fällt in die unverteidigte Stadt ein und setzt sie in Brand. Die Kämpfer aus Gibea ausserhalb der Stadt  sehen den Rauch und wenden sich erschrocken um. Aber jetzt geraten sie zwischen die beiden israelitischen Heerhaufen und werden zerrieben. 

Das ist unser Vers. Eine Katastrophe. Aus Benjamin fallen 25.100 Kämpfer, so steht es geschrieben, und die Gibea ist vernichtet. Mit den Opfern aus den ersten beiden Schlachten zählt man auf beiden Seiten mindestens 65.100 Gefallene. Es sind viel mehr: die Erzählung nennt für jede der Schlachten ausdrücklich nur die Gefallenen der unterlegenen Seite, und über die Einwohnerschaft der Stadt, darunter Frauen und Kinder, wird gar nicht erst gesprochen. 

Was soll das? Was haben uns diese vielen Toten zu sagen?

Die Bibel spricht hier mit sich selbst. Der erste Teil ist deutlich sichtbar und in Teilen fast wörtlich ein Re-enactment der Vorgeschichte zum Untergangs von Sodom, siehe Gen 19 und den BdW 25/2023. Des Herren Wertung ist bekannt: Gott selbst vernichtet Sodom. Auch der zweite Teil ist ein sprechendes Zitat: Die List der Israeliten hatte in exakt derselben Weise schon Josua bei der Eroberung von Ai in Kanaan gebraucht, siehe Jos 8, 15-17. Das Vorhaben der vereinten Israeliten gelingt erst, als sie den Krieg führen wie weiland bei der Einnahme des Heiligen Landes — als Bannkrieg, mit vollem Einsatz und ohne jede Rücksicht auf den Feind. So muß man vorgehen, wenn Volksgenossen das Gesetz des Herrn verletzen, sagt die Geschichte. Solche Menschen stellen sich ausserhalb des Bundes. Sie sind Gottes Feinde und werden so behandelt.

Beide Teile der Geschichte werfen viele Fragen auf. Was denken Sie über das Verhalten des alten Mannes? Und über das des Ehemanns? Er verhält sich seiner Nebenfrau gegenüber kaum besser als die Männer draussen vor der Tür. Und das Ende — am Ende ist der Konflikt gelöst und das Recht wieder hergestellt. Aber was denken Sie, hätte es einen weniger blutigen Weg dahin gegeben, mit des allmächtigen Gottes Hilfe? 

Diese letzte Frage ist ein Schlüssel für die Geschichte als Ganze. Im Buch Richter wird immer deutlicher, dass ein Königtum in Israel nötig ist — NOTwendig. Ein starker König hätte die Mittel, den Willen der Marodeure und ihres Stammes einfacher und mit geringeren Folgen zu brechen. Oder besser noch: der Übergriff wäre nie geschehen. Das war vielleicht der Traum desjenigen, der diese Geschichte aufgeschrieben hat. 

Ich habe in dieser Woche einen Bericht einer Missionarin aus Mexiko gelesen. Der Führer eines mächtigen Drogenkartells wurde getötet, und nun herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände in mehreren Landesteilen. Die Menschen dort würden vermutlich alles tun für einen starken und gerechten Staat. Auch solche Geschichten würden sie schreiben, wenn es etwas helfen könnte. Aber die Staatsgewalt ist schwach und korrupt und manchmal selbst kriminell. 

Deutsche neigen dazu, schlecht über ihre Heimat zu reden. Manchmal mit gutem Grund. Und manchmal zeigt es nur, wie wenig sie wissen von der Welt. 

Gott ist gut. Das äußert sich wesentlich auch darin, dass er uns hilft, das Gute zu tun, und nicht das Böse. Angesichts dieser furchtbaren Geschichte will ich das zuspitzen, auch mit Blick auf die Verse der letzten beiden Wochen: Gott ist so gut, wie wir es zulassen!

Vielleicht hilft das, Gibea zu verstehen — und Mexiko und Gaza, die Ukraine, den Iran und den Sudan.

Gottes Segen sei mit uns, in dieser Woche und immer,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 07/2019

Doch so spricht der Herr HErr: Wenn die vierzig Jahre aus sein werden, will ich die Ägypter wieder sammeln aus den Völkern, darunter sie zerstreut sollen werden,…
Hes 29,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel von 2017.

Eine nicht erfüllte Prophezeiung

Liest man den Vers der Woche, so möchte man sofort stutzen: Wieso Ägypten? Was Ezechiel schreibt, hätte man ohne weiteres auf Juda beziehen können: von Eroberern zerstreut, sammelt es sich nach geraumer Zeit wieder aus den Völkern.

Aber Ägypten ist gemeint. Ezechiel prophezeit eine Niederlage des Pharao und eine vierzig Jahre andauernde, völlige Verwüstung des Landes als Strafe für den Hochmut seiner Herrscher und die Unzuverlässigkeit gegenüber dem Bündnispartner Israel. Im nachfolgenden Kapitel 30 gibt es eine weitere Prophezeiung, dergemäß der Untergang Ägyptens konkret durch Nebukadnezar von Babylon herbeigeführt werde. Auch die nachfolgenden Kapitel 31 und 32 behandeln den bevorstehenden Untergang Ägyptens. Ähnliche Visionen gibt es in Jesaja 19 und in Jeremia 46. Die drei großen Propheten sind sich über das Schicksal Ägyptens einig. 

Nun ging allerdings Ägypten nicht unter, nicht durch die Babylonier jedenfalls. Erst später, durch den persischen König Kambyses II, Sohn des Kyros, verliert das Land seine Unabhängigkeit. Aber auch dann wird es nicht verwüstet, sondern eher erneuert und zu Wohlstand geführt.

Was können wir anfangen mit einer nicht erfüllten Prophezeiung aus sehr ferner Zeit? Vielleicht ist das Bild wichtig, das die Propheten zeichnen. Die kulturelle und politische Großmacht Ägypten war immer geistiger Bezugspunkt für die Israeliten — oft gehasst, viel bewundert, manchmal auch geliebt. In Ägypten fand Josef Sicherheit vor seinen Brüdern und später sein Namensvetter vor Herodes. In Ägypten wurden die Israeliten ein Volk, aus Ägypten zogen sie durch die Wüste ins Heilige Land, geführt von einem Propheten, der einen ägyptischen Namen trug und am ägyptischen Königshaus erzogen wurde. Im Bündnis mit Ägypten wollten sie der babylonischen Herrschaft entkommen.

Beim Lesen von Ezechiels Text tritt mir mein eigenes Land vor Augen. Nach dem Krieg war Deutschland zerschlagen und verwüstet. Nach fünfundvierzig Jahren konnte es die Teilung überwinden. Wie einstmals Ägypten, so war Deutschland geistiger Bezugspunkt für die Juden, nicht erst in der Katastrophe, lange vorher schon und irgendwie auch nachher noch, for better or worse. Das jüdische Volk und Deutschland haben denselben Schutzpatron, den Erzengel Michael.

In den Visionen von Ezechiel und Jesaja ergeht es den Ägyptern perspektivisch wie dem jüdischen Volk. Bei Ezechiel eher negativ gefärbt, die Ägypter sinken politisch auf den Status von Juda herab: 

Denn so spricht Gott der HERR: Wenn die vierzig Jahre um sein werden, will ich die Ägypter wieder sammeln aus den Völkern, unter die sie zerstreut werden sollen, und will das Geschick Ägyptens wenden und sie wieder ins Land Patros bringen, in ihr Vaterland; aber sie sollen dort nur ein kleines Königreich sein. Sie sollen kleiner sein als andere Reiche und nicht mehr sich erheben über die Völker, und ich will sie gering machen, dass sie nicht über die Völker herrschen sollen,… (Eze 29, 13-15) 

Jesajas Prophezeiung ist rund hundertfünfzig Jahre älter. Der große Rivale Ägyptens heißt hier noch Assyrien. Auch Jesaja schließt in einer Parallelführung mit Israel, seine Vision aber ist ergreifend versöhnlich: 

Und der HERR wird die Ägypter schlagen und heilen; und sie werden sich bekehren zum HERRN, und er wird sich von ihnen bitten lassen und sie heilen. Zu der Zeit wird eine Straße sein von Ägypten nach Assyrien, dass die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assyrien kommen, und die Ägypter samt den Assyrern werden dem Herrn dienen. Zu der Zeit wird Israel der Dritte sein mit Ägypten und Assyrien, ein Segen mitten auf Erden; denn der HERR Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk, und du, Assur, meiner Hände Werk, und du, Israel, mein Erbe! (Jes 19, 22-25)

Der Herr sei mit uns in dieser Woche!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 03/2019

Zu der Zeit war Moses geboren, und war ein feines Kind vor Gott und ward drei Monate ernährt in seines Vaters Hause.
Apg 7,20

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Übersetzung von 2017.

Stephanus vor dem Sanhedrin, Beit Gemal, Israel

Stephanus Rede

Ein eigentümliches Dokument: Apg 7 ist eine Zusammenfassung wichtiger Teile der biblischen Geschichte im Neuen Testament, gut und anschaulich geschrieben. Wie kommt es dazu? Stephanus, Judenchrist der ersten Stunde, wortgewaltiger und wundertätiger Missionar, wird in Jerusalem vor dem Hohen Rat der Häresie angeklagt. Auf die Frage des Hohepriesters „Ist das so?“ hält er eine Rede. Mit einer Wiedergabe der biblischen Geschichte bis zu den Propheten legt er dar, dass diese zwar, nach dem Willen Gottes, eine Heilsgeschichte ist, dieses Heil aber von den Erwählten wieder und wieder abgelehnt wird. Und nun sei der Träger des Heils, Jesus nämlich, ermordet und die Wahrheit werde verfolgt. Dies ist sehr genau gezielt — sind es doch die Pharisäer selbst, die die biblische Geschichte als Geschichte des Ungehorsams werten. Die Mitglieder des Hohen Rats geraten außer sich. Stephanus aber sieht, wie der Himmel über ihm sich öffnet und bekennt Jesus Christus. Er wird gesteinigt. Ein junger Mann, ein gewisser Saulus, beobachtet interessiert die Hinrichtung.

Der gezogene Vers führt den zentralen Heilsträger der jüdischen Geschichte, Moses, in Stephanus Erzählung ein. Stephanus tut das sehr knapp: Moses war ein „feines Kind“ vor Gott und blieb bei seinen Eltern drei Monate; er war also von Gott erwählt und ein echter Sohn seines Volks, nicht etwa ein Ägypter, wie man seines Namens und der Erziehung am Hof des Pharao wegen hätte meinen können.

Am Freitag bin ich Stephanus begegnet. Meine Tochter Mathilde und ich sind von einem israelischen Freund auf eine kleine Tour durch das Gebirge östlich von Beit Schemesch genommen worden. Einer der Orte, die wir sahen, war Beit Gemal. Dort steht heute ein italienisches Salesianerkloster an der Stelle, wo nach jüdischer und christlicher Tradition bereits im fünften Jahrhundert das Grab von Stephanus, Nikodemus und Gamaliel vermutet wurde. Gamaliel war gemäßigter Pharisäer, Gelehrter, Mitglied des Sanhedrin, Lehrer des Paulus und Mann des Ausgleichs (siehe Apg 5). Nikodemus, ebenfalls Pharisäer und Mitglied des Hohen Rats, wird im Johnannesevangelium mal als versteckter, mal als offener Sympathisant Jesu beschrieben. Hier und oben sind Bilder von Fresken, die Stephanus’ Befragung vor dem Hohen Rat und die nachfolgende Steinigung zeigen.

Stephans wird gesteinigt, Beit Gemal, Israel.

Den Vers dieser Woche hatte ich versehentlich schon vor dem Jahreswechsel gezogen und dann aufgehoben für eine Gelegenheit, bei der ich keine reguläre Ziehung vornehmen konnte. Dies war in der vergangenen Woche der Fall. Umso erstaunlicher für mich die unvermittelte Begegnung mit dem Heiligen und den beiden Pharisäern, die nicht in die Schublade passen — mein Freund hatte mir nicht erzählt, was es mit dem Ort auf sich hatte, und er wusste seinerseits nichts vom Bibelvers der Woche.

Ich schreibe diese Zeilen im Flugzeug von Jerusalem nach Frankfurt. Das Flugzeug setzt zur Landung an. Was tun mit diesem schönen Vers? Moses war ein feines Kind vor Gott — „Dieser ist’s, der in der Gemeinde in der Wüste stand zwischen dem Engel, der mit ihm redete auf dem Berg Sinai, und unseren Vätern. Er empfing Worte des Lebens, um sie an uns weiterzugeben“ sagt Stephanus (Apg 7,38f). Ohne Moses sind Stephanus, Gamaliel, Paulus und Jesus selbst nicht denkbar. Stephanus weiß das sehr gut, kurz vor seinem Tod. Als Geschenk habe ich von dem Salesianerkloster eine Bibel in hebräischer Sprache mitgenommen, Altes und Neues Testament in einem Band… 

Ich wünsche uns allen eine gute Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 27/2018

Denn auch gen Thessalonich sandtet ihr zu meiner Notdurft einmal und darnach noch einmal.
Phi 4,16

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Opfer

Am Ende seines Schreibens bedankt sich der große Völkermissionar, Paulus, bei der Gemeinde in Philippi für Spenden, die seine weitere Arbeit in Thessaloniki möglich gemacht haben. Vielleicht ist dies die erste Stelle in der Bibel, an der das Wort „Opfer“ in seinem modernen christlichen Sinne als Geldzuwendung im Gemeindekontext gebraucht wird, hier: für die Mission, unter expliziter Gleichsetzung mit dem antiken hebräischen Wortsinn als Brandopfer „zum lieblichen Geruch“ (Vers 18).

Ein Anlass sich zu fragen: Was will Gott eigentlich von uns? 

In dem kurzen Kapitel, aus dem der Vers gezogen wurde, steht vorher mit Philipper 4, 4-7 ein Segensspruch, den ich sehr liebe: 

Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. 

Höher als alle Vernunft…
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 26/2018

Wo nicht der Gott meines Vaters, der Gott Abrahams und die Furcht Isaaks, auf meiner Seite gewesen wäre, du hättest mich leer lassen ziehen. Aber Gott hat mein Elend und meine Mühe angesehen und hat dich gestern gestraft. 
Gen 31,42

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Lutherbibel 2017 

Schalom

Vom Ende der Bibel zurück an ihren Anfang. Vor nicht allzu langer Zeit, in Woche 11/2018, wurde ein Vers aus der gleichen Geschichte gezogen, und weil ich die Geschichte von Laban und Jakob liebe, bin ich seinerzeit im Kommentar weit nach vorn geeilt, bis hin zu der Stelle, aus der wir nun gezogen haben.

Jakob hatte vor seinem Onkel und Schwiegervater Laban fliehen müssen, mit seinen beiden Frauen, Rahel und Lea, den Töchtern Labans, seinen Knechten sowie einer riesigen Herde, die er sich in der Zeit seiner jahrelangen „Partnerschaft“ mit seinem Schwiegervater erworben hatte. Labans Kinder hatten nicht ohne Grund Betrug gewittert. Vor der Flucht hatte zudem Rahel den Hausgott ihres Vaters gestohlen. Laban hatte mit einer Schar Bewaffneter die Verfolgung aufgenommen und Jakob schließlich gestellt, sein Zelt nach dem Hausgott durchsucht und nichts gefunden. Und nun verhöhnt Jakob seinen Schwiegervater vor allen anderen: was jenem von seiner Hand geschehen ist, sei in Wirklichkeit nichts anderes als die gerechte Strafe Gottes! 

Formal fügt sich der Vers vollständig in ein gut bekanntes Muster der jüdischen Bibel: die Feinde sind übermächtig und moralisch minderwertig, und nur der Schutz des Herrn macht das Überleben möglich, indem er die Feinde vernichtet. Viele Psalmen sprechen so. Aber hier geht es um etwas anderes. Was ist, wenn wir für unser Überleben auf den Feind angewiesen sind? 

Der Vers steht unmittelbar vor der Stelle, an der die Handlung „kippt“. Filmisch könnte man die Stelle so inszenieren: Die beiden Patriarchen stehen einander in dem großen Zelt gegenüber, mit blitzenden Augen, beide im Burnus, der Ältere mit der Schar seiner Kämpfer im Rücken, der Jüngere vor seinen beiden Frauen, mit der rechten Hand in der Nähe des Dolchs auf seiner linken Seite, die Reaktion seines Gegenübers auf die gerade ausgesprochene Beleidigung erwartend. Auch die Knechte Jakobs sind anwesend. Alles geschieht öffentlich. Zeitlupe. Laban ist am Zug, er muss handeln. Eigentlich ist völlig klar, was nun folgt. 

Und dann verkündet Laban den Frieden: 

Laban antwortete und sprach zu Jakob: Die Töchter sind meine Töchter und die Kinder sind meine Kinder und die Herden sind meine Herden und alles, was du siehst, ist mein. Was kann ich heute für meine Töchter oder ihre Kinder tun, die sie geboren haben? So komm nun und lass uns einen Bund schließen, ich und du, der ein Zeuge sei zwischen mir und dir.

Im ersten Satz gewinnt er seine Souveränität zurück. Er stellt einfach den Kontext der Handlung um, geht weg vom dyadischen Antagonismus und macht sich zum Diener seiner Nachkommen, die auch zu Jakob gehören. Dann bietet er Jakob einen Bund an. Und im Unterschied zu den anderen Verträgen zwischen den beiden in der Vergangenheit, die alle durch böswillige Auslegung zerstört wurden, gibt es diesmal keine Hintergedanken. Der Bund ist eine Trennung. Die beiden Männer lösen ihre Umklammerung. Nicht gewaltsam, sondern der Zukunft und den Nachkommen zugewandt.

Dieser Moment macht Laban zu einem Heiligen, in meinen Augen. In der jüdischen Tradition hat Laban eine ausgesprochen „schlechte Presse“, wie ich von meiner Hebräischlehrerin weiß. In der Tat ist er ein Schlitzohr, mit allen Wassern gewaschen. Aber nun dieser Mut, mit dem er das feste Geleis der Handlung aufbricht und ihr ein neues gibt! Wieviel Enttäuschung und jahrelange Frustration, wieviel verinnerlichte und selbst geglaubte Rechtfertigung muss er in diesem einen Moment hinter sich lassen — einem Moment extremer Anspannung, in dem Gruppendruck und Adrenalin ihn blind machen sollte? Hierin mag man das göttliche Wunder erkennen, nicht in der „Strafe“, wie Jakob glaubt. Jakob wäre zu einer solchen Handlung nicht in der Lage gewesen. Er wird in diesem Augenblick ohne eigenes Verdienst gerettet, von seinem Schwiegervater und Feind. 

Einmal Laban sein! Damit das Leben weitergeht.

Ich wünsche uns eine Woche voll Frieden. 
Ulf von Kalckreuth