Bibelvers der Woche 46/2023

Siehe, also wird gesegnet der Mann, der den HErrn fürchtet.
Ps 128,4

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Worauf es ankommt

Worin besteht Gottes Segen? Allen, die Religion für eine diffuse und wenig konkrete Angelegenheit halten, sei Psalm 128 empfohlen. Hier ist kurze Psalm vollständig, in der Lutherübersetzung von 1984:

Wohl dem, der den Herrn fürchtet und auf seinen Wegen geht!
Du wirst dich nähren von deiner Hände Arbeit;
wohl dir, du hast’s gut.
Deine Frau wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock drinnen in deinem Hause,
deine Kinder wie junge Ölbäume um deinen Tisch her.
Siehe, so wird gesegnet der Mann, der den Herrn fürchtet.
Der Herr wird dich segnen aus Zion, dass du siehst das Glück Jerusalems dein Leben lang
und siehst Kinder deiner Kinder. 
Friede sei über Israel!

Die Aufzählung wird zweimal eingeleitet, danach stehen jeweils zwei Segensversprechen. Ich würde es gern in heutigem Deutsch schreiben. Also:

Wer den Wegen des Herrn folgt, dem wird zuteil:
1) wirtschaftliche Selbständigkeit und ein angemessenes Auskommen
2) ein glückliches Familienleben mit Partner und Kindern
3) ein geistlich erfülltes Leben mit wiederkehrenden, geglückten Pilgerfahrten
4) ein langes Leben mit Enkeln und Urenkeln

Nichts wird darüber gesagt, wie diese Gaben dem Gottesfürchtigen zuteil werden. Es muß durchaus nicht Belohnung sein, für das Einhalten der Gebote etwa, vielleicht sind es eher die Wege des Herrn selbst, die zu den Segensgaben führen.

Als ich anfing, über den Vers nachzudenken, mußte ich plötzlich verblüfft innehalten. Auf meinem Schreibtisch liegt seit vielen Jahren ein ziemlich großer glatter Flusskiesel, oben ist ein Bild. Er steht für drei Steine, mit denen ein Coach mir einst klargemacht hat, worum es geht — was Kraft kostet und woraus wir sie ziehen können. Er benannte drei Sphären:

  • Berufs und Erwerbsleben,
  • Familienleben, und
  • spirituelles Leben, worunter er neben Religion auch Kultur und Musik verstand, soweit sie zu gemeinschaftlichem Ereignis werden. 

Wenn alles in Ordnung ist, beziehen wir aus diesen Sphären Kraft, sagte er. Geraten wir auf einer der Schauplätze in Schieflage, so wird dort Kraft abgezogen, auch aus den anderen Bereichen. Das funktioniert wie bei kommunizierenden Röhren. Eine schwere Störung in einem der Bereiche wird negative Folgen auch in anderen Bereichen nach sich ziehen — eine Ehekrise kann etwas mit Schwierigkeiten im Job zu tun haben und umgekehrt. Andererseits hat Wachstum in einem der Bereiche positive Wirkungen auch in den anderen. 

Aber schauen Sie: die Bereiche, die er aufzählte, sind nichts anderes als die ersten drei Nennungen im Psalm! Die vierte Nennung fehlt in seiner Liste — langes Leben mit Kindeskindern. Sie steht für ein in der Zeit gegründetes Leben, das nicht ohne Folgen bleibt, sondern sich fortschreibt. Ganz kurz gefasst lautet also der Psalm: 

Wer den Wegen des Herrn folgt, erlangt dabei das, worauf es ankommt im Leben!

Nicht alles mögliche oder alles, was man will, sondern das, worauf es ankommt. Was sagen Sie? Fehlt etwas? ‚Gesundheit‘ kann man unter die vierte Nennung subsumieren. Mir fällt sonst nichts ein. Nehmen Sie sich ruhig fünf Minuten Zeit dafür, die Frage ist wichtig. Schreiben Sie in den Blog, wenn Sie möchten, klicken Sie dazu auf den Beitrag, unten gibt es ein Feld dafür

Gott segne unser Leben!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 18/2021

Den Gottlosen wird das Unglück töten; und die den Gerechten hassen, werden Schuld haben.
Ps 34,22

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Rezepte fürs Glück

Damit muss man leben, wenn man zufällig zieht. Der Vers droht demjenigen schlimmes Unheil an, der dem ‚richtigen‘ Weg nicht folgt und er passt damit gut zu einer verbreiteten Erwartungshaltung der Bibel gegenüber. Auch in Kirchenkreisen spricht man gern von der ‚Drohbotschaft‘ als traurigem Gegensatz zur ‚Frohbotschaft‘. Ein schrecklicher Kalauer übrigens, den meine Rechtschreibhilfe nicht verzeiht. 

Man mag es kaum glauben, aber unser Vers hat tatsächlich eine frohe Botschaft. Der zweite Teil von Psalm 34 ist ein Lehrgedicht, wie es auch im Buch der Sprüche stehen könnte. Es geht um Rezepte fürs Glück. Die Einstiegsfrage lautet: „Wer ist’s, der Leben begehrt und gerne gute Tage hätte?“ Der Autor des Psalms zählt Wege auf: Wahrhaftigkeit, gute Werke und die Suche nach Frieden, und verweist dann ausführlich auf Gottes umfassende Sorge, die er den Seinen widmet (18-23):

Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr
und errettet sie aus all ihrer Not.
Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind,
und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.
Der Gerechte muss viel leiden,
aber aus alledem hilft ihm der Herr.
Er bewahrt ihm alle seine Gebeine,
dass nicht eines von ihnen zerbrochen wird.
Den Frevler wird das Unglück töten,
und die den Gerechten hassen, fallen in Schuld.
Der Herr erlöst das Leben seiner Knechte,
und alle, die auf ihn trauen, werden frei von Schuld.

Wie in den Spruchsammlungen üblich (siehe den Kommentar zum BdW 50/2020), wird die Botschaft rhetorisch als Gegensatzpaar formuliert. Positiv gewendet sagt unser Vers: Wer den Herrn liebt und ihm folgt, dessen Leben gelingt und er wird frei von Schuld.

Im Kern ist das eine empirische Aussage, wie sie für die Weisheitsliteratur typisch ist. Aber trifft sie denn zu? Es gibt in den Sozialwissenschaften eine gewachsene Literatur über die Determinanten der Lebenszufriedenheit, und in vielen Untersuchungen zeigt sich ein positiver Effekt von Religiosität. Ein großer Teil des Einflusses ist nicht direkt, sondern vermittelt über andere Größen wie gesundheitsbewusstem Verhalten, Familienleben, Altruismus. Hier (Link) ist eine neue Studie zu Deutschland, die mir methodisch gut gefällt, ich kenne einen der Autoren und sie stammt aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das über den Verdacht der Kirchennähe erhaben ist. Kirchgang oder Religiosität an sich fördert das Glück nicht so sehr wie die Dinge, die damit korreliert sind. Religiosität ist ein lebenspraktisches Muster, die Autoren sprechen von einem Rezept. Es würde mich übrigens nicht wundern, wenn Wahrhaftigkeit, gute Werke und die Suche nach Frieden in diesem Rezept eine wichtige Rolle spielten, leider sagt die Studie dazu nichts.

Unser Vers gibt der Schuld eine besondere Rolle für das Lebensglück — genauer gesagt: ihrer Abwesenheit. Die Seinen befreit der Herr von Schuld. Das ist im Christentum zentral. Aber warum sollte Gott das eigentlich tun? Regelbruch ist Regelbruch, und wenn Gott Regeln aufstellt und die Einhaltung verlangt, warum verzeiht er den Bruch? 

Schwierige Frage. Ich habe in der vergangenen Woche in einem Lied eine Antwort gefunden. Nicht in einem alten Choral diesmal, sondern in einem neuen Anbetungslied, Ever be von Bethel Music. Darin heisst es:

You’re making me like you, 
Clothing me in white,
Bringing beauty from ashes. 
For you will have your bride
Free of all her guilt and rid of all her shame
And known by her true name 
and it’s why I sing:
Your praise will ever be on my lips, ever be on my lips

Das Lied nimmt das Bild vom Volk Gottes als Braut auf, der Gott in herzlicher Liebe zugetan ist. Und dann ist es ganz natürlich, eigentlich selbstverständlich: Gott kann uns nicht erstickt in Schuld wollen, er will uns, seine Braut, frei und schön. Hier ist ein Link zum Lied,

Ich wünsche uns allen eine glückliche Woche!
Ulf von Kalckreuth

P.S. In dieser Woche erreichte mich die Email einer Freundin. Sie hat einen Blog begonnen, Tee mit Gott, worin sie den jeweiligen Wochenspruch mit einer kleinen Andacht versieht. Die Wochensprüche der evangelischen Kirchen in Deutschland werden nicht zufällig gezogen, sie sind eine kreisförmige und im Kirchenjahr sich wiederholende Bewegung durch die Bibel im Licht des Glaubens. Bei Desirées Blog geht es also nicht in der selben Weise wie hier um eine offene Entdeckungsreise durch die Bibel; sie legt statt dessen den Schwerpunkt auf das innere Erleben. Ich wünsche Desirée alles Gute auf der Fahrt und bin gern dabei!

Bibelvers der Woche 33/2020

Des andern Tages geriet der böse Geist von Gott über Saul, und er raste daheim in seinem Hause; David aber spielte auf den Saiten mit seiner Hand, wie er täglich pflegte. Und Saul hatte einen Spieß in der Hand…
1. Sa 18,10 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Spieß und Harfe

Ein perfektes Standbild: Der eine hält sein Saiteninstrument in der Hand, der andere eine schwere Kriegswaffe. Der eine ruht in sich, der andere ist außer sich. Die Spannung entlädt sich im nächsten Augenblick:

11…und er schoß ihn und gedachte: Ich will David an die Wand spießen. David aber wandte sich zweimal von ihm.

Der Antagonismus von Saul und David bestimmt die beiden Bücher Samuel, siehe den Vers in Woche 35/2019. Hier liegt er vor uns in seinem Kern. Die beiden Männer sind allein miteinander. Saul hat die Gnade des Herrn verloren, der „böse Geist Gottes“ liegt über ihm. Er pendelt zwischen Traurigkeit und extremer Reizbarkeit, wir würden es heute manische Depression nennen. David ist derjenige, auf dem die Gnade des Herrn nun ruht. Wovon Saul nichts weiss: Samuel hat David schon als künftigen König gesalbt. 

Saul hatte den jungen Mann als Harfenspieler an seinen Hof geholt, er sollte ihm helfen, die Traurigkeit zu überwinden — und das gelang zunächst gut. Nach Davids Kampf mit Goliath hatte er dem jungen Mann militärische Aufgaben und Verantwortlichkeiten übertragen. David Ruhm wuchs sehr schnell mit seinen Erfolgen, und Saul erlebte ihn nun nicht mehr als emotionale Stütze, sondern als Bedrohung. 

David ist Sauls Gegenstück. Wo dieser von Zweifeln zernagt wird, sich vom Volk dazu treiben lässt, Gottes Anordnungen zu mißachten und Samuel gegenüber Ausflüchte sucht, wo dieser sich selbst als Spielball krasser Gemütsschwankungen erlebt, da ist David einfach nur er selbst. Seine Hände gleiten über die Saiten, wie jeden Tag seit der Zeit als Hirte. David ist eine Art Naturkraft. Samuel hat ihn so charakterisiert: 

Da sprach Samuel zu ihm: Der HERR hat das Königtum Israels heute von dir gerissen und einem andern gegeben, der besser ist als du. Auch lügt der nicht, der Israels Ruhm ist, und es gereut ihn nicht; denn er ist nicht ein Mensch, dass ihn etwas gereuen könnte. (1 Sam 15, 28+29)

David hat unglaubliche Dynamik und Gottes Segen. Saul die Macht und größtmöglichen Status, aber seine Mitte und seine Kraft hat er verloren. Er wirft, aber sein Spieß fehlt. David weicht zweimal aus, mit einer geschickten Wendung seines Körpers, ohne den Angriff auf der Stelle zu beantworten. Jahre später wird Saul mit seinem Spieß sich selbst töten.

Ich kann Saul verstehen. Mir scheint, als sei David auch das Gegenteil von mir selbst: mit seiner Einfachheit und Geradlinigkeit bleibt er noch in extremen Umständen Herr seiner Mitte, wie ein Radfahrer oder ein Reiter — in der Bewegung unsterblich auf Zeit. Er fürchtet Gott und sonst nichts auf der Welt, und die Herzen der Menschen fliegen ihm zu. Die Frauen Judas singen ihm Lieder: seiner Jugend, seiner Kraft, seiner Schönheit und seiner Musik.

Ja, einmal David sein…

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth