Bibelvers der Woche 05/2023

Und ich will sie unter die Völker säen, dass sie mein gedenken in fernen Landen; und sie sollen mit ihren Kindern leben und wiederkommen.
Sach 10,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Zeitlos…!

In der Betrachtung zum Bibelvers der vergangenen Woche schrieb ich, dass bei den Propheten Unheil und Verheissung oft nebeneinander stehen, manchmal sogar durcheinander. Hier geschieht es in ein und demselben Vers. 

Der gezogene Vers aus der Lutherübersetzung von 1912 steht ganz im Futur. In der neueren Lutherübersetzung 1984 (siehe den Link oben) steht folgendes:

Ich säte sie unter die Völker, dass sie meiner gedächten in fernen Landen und leben sollten mit ihren Kindern und wieder heimkehren. 

Die für das Alte Testament sehr akkurate katholische Einheitsübersetzung schreibt: 

Säe ich sie auch unter die Völker aus, werden sie doch in der Ferne an mich denken. Sie werden mit ihren Kindern am Leben bleiben und heimkehren. 

Das Aussäen — die schreckliche Diasporaerfahrung der Juden im Nordreich Israel und im Südreich Juda — wird in diesen drei Übersetzungen wechselnd in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesetzt. In der ersten und der dritten Fassung liegt die dazugehörige Verheissung in der Zukunft, in der zweiten hat sich auch die Verheissung schon vollzogen.

Und nun wird es sonderbar: Nichts davon ist „falsch“. Der Originaltext ist sprachlich mit allen drei Fassungen vereinbar. Im alten Hebräisch haben die Verben keine „Zeitformen“, wie wir sie kennen, es sind vielmehr Aspekte. Den punktuellen, tatsachen- und faktenorientierten Aspekt nennt man Perfekt, den offenen, zeitraumbezogenen und potentialorientierten Aspekt dagegen Imperfekt. Der gezogene Vers steht im Perfekt. Oft stehen Handlungen, die in der Vergangenheit bereits stattgefunden haben und die man daher genau kennt, im Perfekt, wohingegen die Zukunft unsicher ist und in der Regel das Imperfekt fordert. Aber bei einer Prophetie, die der Sprechende sozusagen in Stein gemeisselt vor sich sieht, kann durchaus ein Perfekt stehen. Der Zeitbezug wird im alten Hebräisch manchmal durch Angaben wie „Wenn das Jahr sich wieder neigt“, oder „Im dritten Jahr des Königs Nebukadnezar“ geschaffen, in der Regel aber durch den Kontext. 

Wie sieht es inhaltlich aus? Wer ist gemeint? Teile von Sacharjas Buch wurden kurz nach dem Ende des babylonischen Exils geschrieben, als die Bevölkerung von Juda in ihr Land zurückzukehren begann. Der Vorgang war noch nicht beendet. Die Rückkehr der Nordstämme, die hundertfünfzig Jahre früher von den Assyrern deportiert wurden, erwartete man weiterhin vergeblich, sie gelten heute als die „verlorenen Stämme“.

Alles wäre sinnvoll — Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. 

Wir können Unheil und Verheissung heute als zeitlos lesen. Gott hat sein Volk unter die Heiden zerstreut, tut dies und wird es wieder tun, dies aber immer dergestalt, dass etwas Gutes daraus erwachsen kann — die Entwurzelten mögen Seiner gedenken, mit ihren Kindern leben und gedeihen, dort, wo immer sie hingepflanzt sind, Identität und Glauben weitergeben und dereinst zurückkehren… Der Vers enthält eine Aufforderung zum Leben, fast schon eine Verpflichtung. Folgerichtig findet der Prophet ein eigentümliches Wort für die Zerstreuung: „Aussaat“. 

Kann aus soziokultureller Vernichtung etwas Gutes, eine Renaissance erwachsen? Leben, Wachstum? Ernte? Spricht der Vers auch vom Leben einzelner Personen, Familien, Gruppen? Kann er Chiffre sein für unser aller Leben? Jesus gibt das Gleichnis vom Samenkorn, das vergehen muss, damit die Ähre erstehen kann.

Und ich will sie unter die Völker säen, dass sie mein gedenken in fernen Landen; und sie sollen mit ihren Kindern leben und wiederkommen.

Lesen Sie den Vers noch einmal so. Vielleicht antwortet er auf den Vers der vergangenen Woche. Unheil und Verheissung sind Seiten derselben Münze, irgendwie gibt es die beiden im Doppelpack. Vor nicht allzu langer Zeit, im September 2022, hatten wir einen Vers aus Sacharja mit sehr ähnlichen Botschaft, siehe den BdW 37/2022.

Gottes Segen sei mit uns, in dieser Woche, der vergangenen und den Wochen, die da kommen,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 37/2022

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.
Sach 2,14

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Ende — und Erlösung

Das ist sehr sonderbar, nicht wahr? Dieser Vers ist wie ein Echo auf den Vers der letzten Woche, ein spiegelverkehrtes Abbild. Hier spricht einer der letzten Propheten der hebräischen Bibel, Sacharja, dessen Name „Gott erinnert sich“ bedeutet. Der erste Teil des Sacharjabuchs stammt aus der Zeit um 520 v. Chr., als Juden aus dem babylonischen Exil zurückkommen und damit beginnen, aus den Trümmern Jerusalems wieder eine Stadt zu bauen. Staatliche und religiöse Ordnung entstehen neu — es gibt in Serubbabel einen Führer aus der alten Königsdynastie und in Jeschua einen charismatischen Hohenpriester. Der Bau eines Tempels wird in Angriff genommen.

Ein fröhlicher Vers, in befreiender Sprache. Er könnte aus dem Text eines Tanzlieds stammen, nicht wahr?

Gott erinnert sich seines Volks, seiner geliebten Braut. Ein altes Bild aus besseren Zeiten. Er kehrt zu seiner Braut zurück, um wieder bei ihr zu wohnen, so sagt es der gezogene Vers. Die Botschaften aus der Zeiten vor dem Exil – wie die im Vers der letzten Woche — kehren sich hier glatt um. Das spricht Sacharja in der Einleitung des Buchs selbst an (Sach 1,2-4):

Der HERR ist zornig gewesen über eure Väter. Aber sprich zum Volk: So spricht der HERR Zebaoth: Kehrt euch zu mir, spricht der HERR Zebaoth, so will ich mich zu euch kehren, spricht der HERR Zebaoth. Seid nicht wie eure Väter, denen die früheren Propheten predigten und sprachen: »So spricht der HERR Zebaoth: Kehrt um von euren bösen Wegen und von eurem bösen Tun!«, aber sie gehorchten nicht und achteten nicht auf mich, spricht der HERR.

Hier ist frohe Botschaft. Aber was genau ist die Botschaft? Denken wir an den Vers der vergangenen Woche, die angekündigte Vernichtung. Wer nun zweitausendfünfhundert Jahre später von beidem liest, vom Zorn Gottes, der Zerstörung Jerusalems und der Wegführung des Volks einerseits und der einem Wunder gleichen religiösen und staatlichen Wiedergeburt in der Gnade Gottes siebzig Jahre später, einem Tanz gleich — der hat es nicht leicht.

Der Herr ist zur Reue fähig wie nach der Sintflut, wäre eine Botschaft: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht (1. Mo 8,22). Die Bundestreue des Herrn überdauert den Bundesbruch der Menschen, so hätte es Sacharja selbst wohl gesehen. Die Gnade des Herrn ist mit denen, die sie annehmen, könnte Paulus sagen.  

In mir entsteht dies: Gottes Gnade kann durch Katastrophen tragen, auch und gerade dann, wenn sie Strafen sind. Das ist schön und schrecklich zugleich.

Die Bibel stellt in mehreren zentralen Stellen Leid und Freude nebeneinander, macht sie gar abhängig voneinander: Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei sind und ledig sein sollen, zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Rache unseres Gottes, zu trösten alle Trauernden. und einen Tag der Reue unseres Gottes, steht bei Jesaja (61,2). Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen, und tragen guten Samen, sagt Psalm 126. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen, sagt Jesus (Luk 6,21b), der Meister der Aporie, und die Offenbarung (7,17) spricht von den Geretteten der Endzeit so: denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen lebendigen Wassers und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.

Hier scheint auf, dass Leid und Strafe gar Voraussetzung sein könnten für Freude und Erlösung. Ich will das hier so weitergeben, obwohl ich es nicht wirklich verstehe.

Wir können schließen wie in der vergangenen Woche: die Gnade des Herrn sei mit uns, derer wir so sehr bedürfen!  
Ulf von Kalckreuth


Wieder ist jemand von uns gegangen, der unsere Zeit geprägt hat — nach Michail Gorbatschow nun Queen Elisabeth II. Sie war schon Königin, als ich sprechen lernte. Zeit ist ein Shredder, fortwährende Vernichtung. Im Gedächtnis Gottes sind wir alle aufgehoben.