Bibelvers der Woche 01/2026

Illustration zu Micha 5 -- Ein Licht in der Finsternis und Dunkel im Licht

…und will die Städte deines Landes ausrotten und alle deine Festen zerbrechen.
Micha 5,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Dunkel im Licht

Erschrecken Sie nicht — in der Wochenzählung hat 2026 bereits begonnen. Im Netz steht unser Vers im alten Jahr, aber die dazugehörige Woche gilt schon als die erste des neuen. „Zwischen den Jahren“ nennt man diese Zeit, die unbestimmte Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Und da habe ich den richtigen Vers für Sie gezogen.

Das Buch Micha ist sehr alt, Micha ist Zeitgenosse Jesajas und gehört zu den ‚kleinen Propheten‘. Das bezieht sich auf den Umfang der Schrift, der Abschnitt, aus dem wir gezogen haben, ist ausgesprochen prominent. Micha macht konkrete Aussagen über den Messias, den erwarteten Heilsbringer, und auch darüber, wo er zur Welt kommen wird: Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. (Micha 5,1)

Erinnern Sie sich an die Weisen aus dem Morgenland? Matthäus 2 berichtet, wie sie achthundert Jahre nach Micha von fern in die judäische Hauptstadt Jerusalem kommen, um dem neuen großen König zu huldigen, dessen Stern sie weit im Osten hatten aufgehen sehen. In Jerusalem wusste man nichts von einem neuen großen König der Juden. Herodes der Ältere, der Machthaber, befragt sehr besorgt seine Schriftgelehrten, wo denn dieser Heilsbringer zur Welt kommen solle. Mit Verweis auf Micha 5 antworten sie: in Bethlehem! 

Etwas ist sonderbar. Nicht nur Herodes ist besorgt, das ist unmittelbar einsichtig, sondern seine ganze Umgebung: Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, (Mt 2,3). Warum das? Warum erschrecken die Menschen und freuen sich nicht, wie Maria sich freut, und Simeon, und die Hirten auf dem Feld? 

Ich denke, es hat mit unserem Vers zu tun, und mit der Natur der Herrschaft des Messias und des Reichs Gottes. In Micha 5 steht viel Wunderbares zu lesen über die neue Zeit. Aber man liest dort ebenso deutlich, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Das Umfeld unseres Verses lautet, bezogen auf die Zeit der Heraufkunft des Messias (Micha 9-13):

Zur selben Zeit, spricht der HERR, will ich deine Rosse ausrotten und deine Wagen zunichtemachen und will die Städte deines Landes vernichten und alle deine Festungen zerbrechen. Und ich will die Zauberei bei dir ausrotten, dass keine Zeichendeuter bei dir bleiben sollen. Ich will deine Götzenbilder und Steinmale aus deiner Mitte ausrotten, dass du nicht mehr anbeten sollst deiner Hände Werk, und will deine Ascherabilder ausreißen aus deiner Mitte und deine Städte vertilgen.

Keine neue Ordnung ohne den Untergang der alten. Irgendwie logisch. Das Muster ist uns in den vergangenen Wochen in den Versen 51/2025, 50/2025 und 47/2025, 42/2025 bereits begegnet. Ganz allgemein gibt es in der Bibel die Tendenz, als Voraussetzung für echten Wandel die Umkehrung der bestehenden Ordnung zu verlangen.

Welcher Begünstigte der bestehenden Ordnung wird ihren Umsturz wollen? Wenn es einem gut geht im Ancien Régime, warum sollte man sich eine Katastrophe wünschen, die der alten Ordnung den Garaus macht? 

Ich verstehe das gut. Ich arbeite für den Staat, und ich bewege mich auf meine Pensionierung zu. Ich kenne kein Arbeitsplatzrisiko und kein nennenswertes Armutsrisiko mehr. Ich bin gesund. Ich habe allen Grund zur Dankbarkeit. Bin ich reich? Der Reichtum liegt nicht so sehr in bezifferbarem Vermögen als vielmehr in der Lebenslage. Sie zu ändern, würde alles gefährden…! 

Aber dann — wie würde ich reagieren, wenn ich die Tür zum Reich Gottes einen Spalt offen stehen sähe? Wie würde ich auf die alte Welt blicken? Könnte ich den Schritt tun? Die Frage macht mir Sorge. Jesus sagte einmal, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gelange als ein Reicher in den Himmel. Über den Ausspruch wird viel gestritten, aber denke, ich weiß, was er meint und wen er meint. Und wenn das so ist, was soll man sich denn eigentlich wünschen, für sich selbst und für seine Kinder? 

Die Aussicht aufs Reich Gottes: Dieser Tage steht es vor uns, schön und furchtbar zugleich, Sehnsuchtsort und Schreckensszenario. Wenn die Bibel von der neuen Welt erzählt, spricht sie immer auch vom Untergang der alten. Weihnachten hat seinen Platz als Licht in der Finsternis gerade in der dunkelsten Zeit. Kaum ein Prediger vergisst, das zu betonen. Aber da gibt es ein Gegenstück — das Dunkel im Licht. Den Menschen zu Jesu Zeit war das sehr bewußt. 

Das ist er also, unser Vers zum Jahreswechsel und zur Woche zwischen den Jahren. Ich wünsche uns allen ein gesegnetes Neues Jahr. Im Vaterunser beten wir, dass der Herr uns nicht in Versuchung führe. So sei es. Amen, Gott sei mit uns.  
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 42/2025

…die ihr Zion mit Blut baut und Jerusalem mit Unrecht:…
Micha 3,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Nawalnys Gespenst

Der Vers ist vorn und hinten unvollständig, ein echtes Fragment. Daher hier erst einmal der vollständige Satz, Micha 3,9-11, aus der Lutherbibel von 1984: 

So hört doch dies, ihr Häupter im Hause Jakob und ihr Herren im Hause Israel, die ihr das Recht verabscheut und alles, was gerade ist, krumm macht; die ihr Zion mit Blut baut und Jerusalem mit Unrecht – seine Häupter richten für Geschenke, seine Priester lehren für Lohn und seine Propheten wahrsagen für Geld – und euch dennoch auf den HERRN verlasst und sprecht: »Ist nicht der HERR unter uns? Es kann kein Unglück über uns kommen«.

Micha geht in die biblische Geschichte ein als Prophet, der Korruption und Verderbnis der Eliten in den beiden hebräischen Staaten ohne Rücksicht auf eigene Verluste anprangerte. Was er sagt, ist folgendes: niemand von ihnen erfüllt die Aufgabe, die ihnen von Gott gegeben wurde — die Regierung nicht und auch die Priester und Propheten nicht. Ihr Amt nutzen sie, um sich persönlich zu bereichern, zum Schaden derer, für die sie Verantwortung tragen.

Micha sagt, dass unter diesem Umständen das Schutzversprechen des Herrn hinfällig ist. Es ist eine Illusion zu glauben, der Herr sehe dem allen zu und schütze das Volk und die Elite ungerührt weiter gegen alle Gefahren von außen. Micha sagt den beiden Ländern den Untergang voraus, Zerstreuung ihrer Völker in der Welt, aber auch Heil in der Zukunft, wenn der Herr sein Volk wieder sammelt, unter einem Messias, dessen Geburt Micha ankündigt.

Messers Schneide. In Jeremia 26 wird berichtet, dass der Prophet Urija wegen einer ähnlichen Prophezeiung hingerichtet wurde, Micha aber nicht. Im Gegenteil: seine Prophezeiung wurde zum Ausgangspunkt der Reformen unter Hiskja, die das Südreich Juda wieder aufrichteten. Das viel größere Nordreich Israel fiel einer brutalen Vernichtungsaktion der Assyrer zum Opfer, wie von Micha vorausgesagt. Lange später entging der Prophet Jeremia dem fast schon sicheren Tod wegen der Parallele seiner Predigt zu der Michas.

Wenn ich die Verse oben lese, denke ich an Nawalnys Video über Putins Schlösser am Schwarzen Meer. Was tun mit einer Botschaft, die niemandem passt? Je nachdem, wo man sich befindet, können solche Botschaften sehr gefährlich sein. Nawalny überlebte die freiwillige Rückkehr nach Russland nicht lange. Der Bibelvers der Woche 08/2024 blickt zurück auf ihn. Noch heute kann jede Erwähnung seines Namens in Russland als „Extremismus“ bestraft werden. Anderswo bedeuten unpassende Botschaften „nur“ soziale Ausgrenzung. Uria starb, Micha nicht, Micha hatte Erfolg, Uria nicht. Messers Schneide. Micha, Nawalny und Uria: wie gut, dass es Menschen gibt, die diesen Mut haben. Wäre die Welt sonst nicht dem Untergang geweiht? 

Aber was sagen sie uns? Menschen wirtschaften in die eigene Tasche, statt die Aufgaben zu erfüllen, auf die sie sich verpflichtet haben, und sie kennen dabei keine Grenzen. Wichtige Zweige der Wirtschaftstheorie gehen genau davon aus. Sie unterstellen, dass längerfristig NIEMAND seine Aufgabe erfüllt, soweit dies nicht in seinem eigenen engen Interesse liegt. Arbeitsverträge, Gesellschaftsstrukturen, Gewinnbeteiligungen etc. müssen daher so gestaltet werden, dass Menschen ihre Aufgabe erfüllen tun, WEIL es in ihrem Interesse liegt. 

Micha und Uria erkennen darin todeswürdige Sünde. Ist das naiv? Ich selbst bin altmodisch, Boomer, deutscher Beamter eben. Wer eine Aufgabe übernimmt, leistet eine Art Bürgschaft, er verspricht, das seine zu tun, sie zu erfüllen. Er macht seinen Wert nach außen davon abhängig. Man nennt das Ehre. Vertragstheoretisch macht Ehre die Sache einfach: der Beauftragte internalisiert das Ergebnis gewissermaßen, es ist wie eine Gewinnbeteiligung. Ein Weg zum Glück kann es sein, die Aufgabe als erweiterten Teil seiner selbst zu sehen. Der Aufgabenträger ist dann im Grunde frei: er tut das, was er für richtig und angemessen hält. 

Micha und die Bibel sehen es so: Unser Auftrag in der Welt ist Gottes Auftrag. Wenn wir ihn erfüllen, tun wir das Werk Gottes und unser eigenes zugleich. Recht betrachtet ist das die Welt von König Artus, das Gegenbild der Welt der Kleptokratien gestern und heute. Die eine dieser Welten besteht den Test der Realität nicht dauerhaft, die andere ist so furchtbar, dass ihre Lebensdauer gleichfalls sehr begrenzt ist. Kleptokratien sind Kartenhäuser und brechen schnell zusammen, auch das sagen uns Micha, Uria und Nawalny. Ganz ohne Artus geht es nicht.

Unsere eigenen Realitäten liegen zumeist irgendwo in der Mitte. Nicht jeden Auftrag kann man als Gottes Auftrag sehen. Gott und das Leben fragen jeden von uns: Welche Aufgaben übernehmen wir und wie gehen wir sie an? Haben wir Liebe in uns für die Welt und die Menschen in ihr? Welche Antwort wir auf diese Fragen geben können, hängt auch ab von der Antwort der anderen. Und die Antworten aller gemeinsam MACHEN unsere Welt, for better or worse. So kippen manche Gesellschaften in den Abgrund und andere erblühen. Nawalnys Gespenst möge den russischen Präsidenten verfolgen, bis es ein besseres Russland geben kann. 

Gott lasse uns die Aufgabe erkennen. Er sei mit uns, in der kommenden Woche und immer,
Ulf von Kalckreuth