Bibelvers der Woche 06/2022

Du erneuest deine Zeugen wider mich und machst deines Zornes viel auf mich; es zerplagt mich eins über das andere in Haufen.
Hiob 10,17

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Ungute Wendung

Noch einmal Hiob, wie in der letzten Woche. Während es aber dort eine letztlich positive Botschaft gab, ist dieser Vers Kernstück einer schweren Anklage. 

Hiob erinnert daran, wie Gott ihn geschaffen habe. Mit Vers 8 beginnt eine Art persönlicher Schöpfungsbericht: Der Herr habe ihn aus Lehm gemacht, wie Milch hingegossen und wie Käse gerinnen lassen, ihm Haut und Fleisch angezogen, und Sehnen ihm geflochten: „Leben und Wohltat hast Du mir getan, und deine Obhut hat meinen Odem bewahrt.“ 

Das klingt ganz wie Lobpreis und Dank im Psalmvers, Aber Hiob setzt anders fort. In dieser großartigen, väterlichen Schöpfung verbirgt nämlich Gott etwas, das erst später zum Vorschein kommt. Er wird sein Geschöpf drangsalieren mit Schuld. Wenn Hiob sündigt, wird er hart bestraft. Wenn er nicht sündigt und sich in allem nach Gottes Wort richtet, muß er dennoch mit Schmach und Elend leben, darf er sein Haupt nicht aufrichten. Täte er es doch, würde Gott wie ein Raubtier über ihn herfallen — „würdest Du mich jagen wie ein Löwe“. Dann kommt unser Vers. In der modernen Übersetzung lautet er: „Du würdest immer neue Zeugen gegen mich stellen und deinen Zorn auf mich noch mehren und immer neue Heerhaufen gegen mich senden.“

Hiob erlebt sein Leben mit Gott als ausweglos. Ich lerne gerade ein hebräisches Lied singen, „Laila, Laila“ von Mordechai Zeira und Natan Alterman. Das Lied ist aus der Mitte des 20. Jahrhundert, aber es wirkt viel älter. Form und Melodie sind die eines Schlaflieds: „Nacht, Nacht“ beginnen viele Verzeilen und andere mit „Still, still“. Die erste Strophe evoziert die Nacht und ihre unbestimmte Ruhelosigkeit. Die angesprochene Frau, ein Mädchen vielleicht, soll die Kerzen löschen und still sein. Dann wird von drei bewaffneten Reitern erzählt, die durch diese Nacht eilen, um ihr zu helfen. Soweit könnte man es seinem Kind am Bett singen. Aber wie bei Hiob nimmt es eine ungute Wendung. Der erste Reiter fällt einer Gewalttat zum Opfer, der zweite dem Schwert, und der dritte kommt durch, hat aber den Namen derer vergessen, die er retten soll. Und sie ist allein und wartet am leeren Weg… Hier ist ein Link zum Lied, von einem Meister gesungen.

„Mich ekelt mein Leben an!“, beginnt das Kapitel, und Hiob schließt seine Anklage wie folgt: 

So höre auf und lass ab von mir, dass ich ein wenig erquickt werde, ehe denn ich hingehe – und komme nicht zurück – ins Land der Finsternis und des Dunkels, ins Land, wo es stockfinster ist und dunkel ohne alle Ordnung, und wenn’s hell wird, so ist es immer noch Finsternis. 

Zu diesen Versen gibt es ein bekanntes Gegenstück, Psalm 139 11f: 

Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht. 

Ich glaube, diese beiden Stellen gehören zusammen, eine antwortet der anderen wie der Tag der Nacht und die Nacht dem Tag. Man hat das Bedürfnis, Hiobs Klage wegzuargumentieren. Seine Freunde übertreffen sich darin gegenseitig. Ich will das nicht tun Das Buch Hiob ist für die Ewigkeit — auch und gerade mit seiner Anklage. Gott kann damit umgehen. Die Antwort, die er schließlich gibt, gilt Hiob und niemandem sonst.

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche, die uns seiner Antwort an je uns näherbringen möge,
Ulf von Kalckreuth

Laila, Laila von M. Zeira und N. Alterman (1948) Übersetzung Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 05/2022

Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbt die Berge um.
Hiob 28,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Weisheit — und wie man sie findet

Das ist orientalisch: die Hälfte des Kapitels wird auf eine Hinführung verwendet, bei der das, worum es eigentlich geht, nicht erwähnt wird. Zwölf lange Verse hindurch gibt Hiob ein Beispiel nach dem anderen für Dinge, die ihre versteckte Orte haben, und die man doch findet, mit großer Mühewaltung und Kunst. Der Vers ist ein Teil dieser Beschreibung, die schließlich zu dem führt, worum es eigentlich geht (Vers 9-12):  

Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbt die Berge von Grund aus um. Man bricht Stollen durch die Felsen, und alles, was kostbar ist, sieht das Auge. Man wehrt dem Tröpfeln des Wassers und bringt, was verborgen ist, ans Licht. Wo will man aber die Weisheit finden? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

Zu finden ist sie nicht, und zu kaufen auch nicht. Weisheit wird als inkommensurabel mit Gold und Gütern bezeichnet — man kann sie nicht bezahlen, weil es keinen Betrag gibt, der ihrem Wert entspricht. Das ist eine Botschaft, die wir aus dem Buch der Sprüche schon kennen, siehe den BdW 50/2020. Gibt es sie dann überhaupt? Ja, sie ist bei Gott. Und Gott schuf sie nicht einfach. Bei der Schöpfung der Welt „sah er sie und verkündete sie, bereitete sie und ergründete sie“ (V. 27). Sie ist Gott zwar nachgeordnet, aber ebenso ewig wie er. In der Einleitung des Buchs der Sprüche spricht die Weisheit selbst (Spr 8, 22- 31):   

Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

Die Weisheit spielt mit Gott und er mit ihr, es ist dies eine sehr vertraute Beziehung. Uns hingegen ist sie unsichtbar und unzugänglich — das Wühlen im Berg als Bild für ein mühsame Erarbeiten hilft ebensowenig wie der Versuch, sie zu kaufen. So spricht ein Text, der geschrieben ist von Menschen, denen Weisheit das kostbarste war. 

Hiob kommt zu einer sehr einfachen Conclusio: Dem Menschen selbst ist die Weisheit nicht zugänglich und sie ist bei Gott. Wenn Gott also dem Menschen geneigt ist, dann führt ein Weg zu ihr über Gottes Gebote: „Siehe: die Furcht des Herrn, das ist Weisheit und meiden das Böse, das ist Einsicht“.

Weisheit ist im Kern praktische Lebenskunst, siehe den BdW 16/2019. Gottes Gebote sind von Weisheit durchdrungen und der Weg zu gutem Leben. Wenn du sie befolgst, so sagt das Kapitel, verhältst du dich weise, auch wenn deinem Verstand die dafür eigentlich nötige Einsicht fehlt. Du brauchst die analytische, die intellektuelle Einsicht gar nicht: befolgst du die Gebote Gottes, tust du ebendas, was du auch tun würdest, wenn du diese Einsicht hättest. Gottesfurcht ist ein damit Surrogat, mehr noch, ein Äquivalent zur Weisheit, im Ergebnis nicht von ihr zu unterscheiden.

Philosophisch interessant ist folgendes: der Mensch gelangt so auf einem Umweg tatsächlich zu Weisheit — wenn die Brücke trägt, wenn Gott sein Freund ist. Der Hermeneutiker würde nämlich sagen, dass wahre Weisheit auch die eigenen geistigen Beschränkungen berücksichtigt und den bestmöglichen Umgang damit. Und der Empiriker könnte feststellen, dass zwei Dinge nicht verschieden sind, wenn sie sich nicht unterscheiden lassen.

Das Buch Hiob ist eine Übung in Dialektik. Jede seiner Wahrheiten wird zur Waffe für den Verfechter der gegenteiligen Position. Manchmal will es mir scheinen, das Buch sei darin wie die Welt selbst. Hiob entwickelt seinen Freunden das Konzept von der in Gottes Geboten eingebetteten Weisheit, um damit seine finale Anklage vorzubereiten. Gott hält sein Versprechen nicht, sagt er, denn Hiob gerät ins Unglück, obwohl er sein Leben ganz auf Gottes Gebote gebaut hat. Die Brücke trägt nicht!

Aber am Ende leuchtet Gott wie die Sonne, ohne sich auf einen einfachen Zusammenhang reduzieren zu lassen. Er lässt sich nicht berechnen und ergreift Hiob, nimmt ihn einfach mit. Im Grunde macht er damit Hiobs Worte über die Weisheit wahr.

Ich wünsche uns eine Woche, in der Weisheit in unserem Tun liegt, auch wenn unser Verstand sie nicht erreicht,
Ulf von Kalckreuth

Ulf von Kalckreuth, Niederursel, 6. April 2021

Bibelvers der Woche 50/2021

Was gäbe mir Gott sonst als Teil von oben und was für ein Erbe der Allmächtige in der Höhe?
Hiob 31,2 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Einmal Nihilismus und zurück

Warum interessiert es Sie, warum interessierte es überhaupt jemanden, was der Wille Gottes ist?

Die grundlegende Antwort des Alten Testaments gibt Deut 28-30. Mose legt dem Volk und jedem Einzelnen Segen und Fluch vor: durch seinen Umgang mit dem Gesetz Gottes entscheidet jeder selbst, was davon ihm zuteil wird. Auf zwei Wegen kann dies geschehen. Während in der Torah Gottes Handeln Lohn und Strafe schafft, ist dies im Buch der Sprüche und vielen Psalmen der Charakter des Gesetzes selbst. Das Gesetz ist gut und dient dem Leben, und Verstöße bestragen sich selbst, sie schaffen ein Umfeld, in dem der zugrundegeht, der das Gesetz mißachtet, siehe BdW 50/2020.

Man nennt dies den „Tun-Ergehen-Zusammenhang„. Theologen benennen so den roten Faden, der sich durchs Alte Testament in allen seinen Teilen zieht und der auch für das Neue Testament große Bedeutung hat. Unser Umgang mit dem Gesetz bedingt unser Schicksal.  Wie man sich bettet, so liegt man.

Im Alten Testament bezieht sich die Entsprechung von Tun und Ergehen konkret auf das irdische Leben. An ein Jenseits war nicht gedacht. Wie dann aber umgehen damit, dass es auf der Welt oft so ganz und gar anders aussieht? Haben Sie sich das auch schon gefragt? 

In der Bibel ist die Diskussion darüber bemerkenswert offen. Das Buch Prediger leugnet schlicht die Entsprechung von Tun und Ergehen, aus ebenjener Empirie heraus. Im Buch Hiob steht der Zusammenhang im Mittelpunkt einer Auseinandersetzung, die in den Nihilismus führt und darüber hinaus. Hiob ist gerecht, er hat die Gesetze Gottes treu befolgt. Daran gibt es keinen Zweifel, wir wissen es a priori aus den Aussagen Gottes und Satans im Prolog. Gott aber nimmt ihm alles: Güter, Familie und Gesundheit — Hiob liegt schließlich als übel zugerichtetes Wrack da und muß sich gegen die Vorstellungen seiner Freunde verteidigen. Wenn es ihm so schlecht gehe, müsse es einen Grund dafür geben, sagen sie. Der Tun-Ergehen-Zusammenhang lässt sich nämlich umdrehen: wem es schlecht geht, muß sich versündigt haben, er selbst oder vielleicht seine Vorfahren; sonst ginge es ihm besser.

Wir wissen, dass es nicht so ist, und Hiob weiss es auch. Unser Vers ist Teil eines Kapitels, in dem Hiob darlegt, wie umfassend er Gottes Gesetz befolgt hat — er gelangt dabei weit über den Buchstaben des Gesetzes hinaus zu einer Ethik der Barmherzigkeit. Und dabei bejaht und bestätigt er den Tun-Ergehens-Zusammenhang: er habe dies alles getan, ja gar nicht anders gekonnt, weil sonst sein Untergang sicher gewesen wäre, weil er sonst nichts von Gott hätte erwarten können. Seinen Augen hat er die lüsternen Blicke nach jungen Frauen verboten, „was gäbe mir Gott sonst als Teil von oben und was für ein Erbe der Allmächtige in der Höhe?“

Im Vers also ruft Hiob das Schlüsselargument der Freunde als Grundlage des eigenen Handelns auf! 

Die Perspektive der Freunde teilt er also. Der Tun-Ergehen-Zusammenhang gilt — oder besser: er sollte gelten. Der Zusammenhang von Tun und Ergehen wird ihm zu einem Fundament für eine Anklage Gottes. Hiobs Gewissen ist rein. Wie ein Fürst wolle er sich dem Verkläger nahen. Dabei bleibt er Gott treu, denn Gott ist für ihn nicht nur Richter, sondern auch Anwalt und Erlöser. Hiob ruft Gott den Erlöser an, ihm bei Gott dem Richter Recht zu schaffen. Und sein Vertrauen in den Erlöser ist unerschöpflich: Aber ich weiss, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über den Staub sich erheben. Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. Ich selbst werde ihn schauen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder (Hiob 19, 25-27).

Das klingt christlich, Hiob sucht bei seinem Erlöser aber nicht Gnade, sondern Gerechtigkeit. Die Vorstellung ist ihm fremd, dass der Mensch das Gesetz vielleicht gar nicht erfüllen könnte, anders als den Freunden übrigens. 

Die Anklage Hiobs und seine Rechtfertigung schockieren die Freunde, und sie brechen das Gespräch ab. Nach der Intervention Elihus (siehe BdW 12/2020) antwortet Gott selbst. Er redet aus dem Sturm und eine neue Perspektive entsteht. Gottes Handeln als Schöpfer und seine Sicht der Dinge sind so groß, die Zusammenhänge, aus denen er agiert, so unerforschlich, dass der Tun-Ergehen-Zusammenhang kein einklagbares Recht sein kann — der Mensch versteht schlicht nicht, was er da fordert. Was uns bleibt, ist Gott zu loben und zu preisen, seine Gesetze zu achten, und unser Schicksal aus seiner Hand zu nehmen, auch wenn wir sein Handeln nicht verstehen, und dies alles im Wissen, dass Gott selbst über seiner Gerechtigkeit steht. 

Gott verwirft Hiobs Anklage, aber er lobt seine Treue, und gibt ihm darin recht. Nicht in Hiobs Gerechtigkeit liegt der Schlüssel, sondern in seiner Bereitschaft, schließlich von ihr abzusehen. Am Ende wird Hiob in jeder Beziehung in den früheren Stand eingesetzt. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ — scheinbar gilt der Zusammenhang von Tun und Ergehen nun doch, der Leser aber ahnt, das dieses Ende willkürlich ist und die Geschichte einen anderen Ausgang hätte nehmen können. Was bleibt, ist der Imperativ, sich der Größe Gottes zu beugen und sie zu preisen, alles zu hoffen, aber nichts zu erwarten. Wir dürfen Gott nicht in die Kategorien des Rechts pressen, unseres eigenen nicht und auch nicht des göttlichen. Beide sind für uns gemacht, nicht für Ihn. 

Und die eingangs gestellte Frage? Wenn Gott tut, was er will — was ist dann der Unterschied zu einer Welt, in der es Gott gar nicht gibt? Wenn Sie es bis hierher geschafft haben, wollen auch Sie das wissen.

Ich glaube, er liegt darin, dass Gott uns zugewandt ist. Wir haben einen persönlichen Gott, und wir können ihn erreichen — im Gebet, im Zuhören, im Reden auch mit anderen Menschen. Wie Hiob, ohne alles Recht. Was uns helfen kann, ist Gottes Liebe, und darin wieder hilft uns unsere eigene Liebe. Dies ist der Zusammenhang von Tun und Ergehen, den Jesus vertritt.

Einmal Nihilismus und zurück. Der Herr segne uns, in dieser Woche und immer,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 22/2020

So hätte ich nun Trost, und wollte bitten in meiner Krankheit, dass er nur nicht schonte, habe ich doch nicht verleugnet die Reden des Heiligen.
Hiob 6,10

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Behind the blind

Leid und Gottes Schutz 

Vor einigen Wochen gab es zwei Verse aus Hiob hintereinander. Hiob begegnet uns recht häufig — wir hatten Hiob-Verse in den Wochen 12/2020, 11/2020, 15/2019, 45/2018 und 19/2018. Trügt die Hoffnung oder trägt sie: durch zufälliges Ziehen langsam und mit der Zeit, lernend, ein authentisches Bild der Bibel jenseits der ausgetretenen Pfade zu gewinnen? Jedesmal finde ich in diesem Buch eine neue wichtige Facette.

Der gezogene Vers gehört in den ersten Teil des Buchs, wo die Dimensionen der Frage und die Konfliktlinien sichtbar werden. Um seine Gottesfurcht zu erproben, wird Hiob mit Zustimmung Gottes von Satan mit unsäglichem Leiden gequält. Drei Freunde besuchen ihn. Hiob hat nach langem Schweigen ausgiebig den Tag verflucht, an dem er geboren wurde, mit großer Lust am verbalen Detail. Er fragt nach Gottes Gerechtigkeit und danach, warum Gott Wesen in die Welt setzt, nur um sie zu peinigen.

Elifas, einer seiner Freunde, antwortet. Aus der Rede des Elifas gab es früher schon den BdW 2018/45. Im Kern sagt er, dass niemand ohne Sünde ist, das sei Illusion. Individuelles Leid ist Zurechtweisung Gottes und damit Gnade, denn verstockte Sünder gehen unweigerlich unter. Es ist dem Leben dienlich, die Zurechtweisung zu hören und sein Verhalten anzupassen: „Selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist; darum widersetze dich der Zucht des Allmächtigen nicht. Denn er verletzt und verbindet, er zerschlägt und seine Hand heilt.“ (Hiob 5, 17f). Dann preist Elifas mit großer poetischer Kraft Heil und Schutz, den Gott den Seinen gibt und schließt: „Siehe, das haben wir erforscht, so ist es; darauf höre und merke du dir’s.“

Wenn man selbst im Dreck liegt, ist es unerträglich, so etwas von jemandem zu hören, dem es selbst gut geht. Hiob reagiert scharf — in der Fahrrinne seiner ersten Rede wünscht er sich nun, der Herr möge endlich ein Ende machen mit ihm und zwar schnell, dann könne er vor Freude hüpfen (so im Original), weil er trotz allem den Worten des Heiligen treu geblieben sei bis zum Schluss. Der gezogene Vers ist das sprachliche Kunstwerk eines Menschen, der am Rand seiner Kräfte steht. Die angekündigte Freude über den raschen Tod, den er hüpfend begrüßen würde (wie mag man sich das vorstellen?) — das ist blanke Ironie. Hiob besteht auf seiner Gerechtigkeit, sagt aber implizit, dass er die Worte des Heiligen unter diesen Umständen vielleicht nicht mehr lang werde achten können. 

Der Gott der Juden und der Christen ist Einer: nichts geschieht ohne seinen Willen. Im ersten Jahrtausend vor Christus war man nicht so schnell bereit wie heute, ganze Wirklichkeitsbereiche aus Gottes Zuständigkeit zu nehmen, etwa unter Verweis auf „die Naturgesetze“, oder „die Folgen des willensfreien menschlichen Handelns“. Gott ist allmächtig, allwissend und damit allverantwortlich: auch für Leid und Qual. Das Buch Hiob ist die Auseinandersetzung damit: Hiobs Anklage gehört ebenso dazu wie der Lobpreis in Elifas erster Rede. Das Buch Hiob beleuchtet seinen Gegenstand, diesen unerträgliche Widerspruch, nach allen Seiten. Eine klare Antwort, die man nach Hause tragen könnte, gibt es am Ende nicht. 

Am Himmelfahrtstag hatte ich Gelegenheit, auf der Trauerfeier für eine in Treue und Zuneigung sehr alt gewordenes Schwester unserer Gemeinde Psalm 91 vorzutragen und ein Lied dazu zu singen. Es war der erste Gottesdienst seit vielen Wochen. Wie ich hier nun schreibe, muß ich an diesen Psalm ständig denken. Hier ist der Text des Lieds, aus den Versen 4b-7 und 11-12 von Ps 91:

Er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich hüten auf all deinen Wegen,
dass sie dich auf Händen tragen,
dass dein Fuß keinen Stein anstosse.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, 
dass du nicht erschrecken mußt, nicht erschrecken mußt:

vor dem Grauen der Nacht,
vor den Pfeilen, die fliegen am hellichten Tag,
vor der Seuche im Finstern,
vor der Pest, die am Mittag Verderben bringt.
Auch wenn Tausende fallen,
so wird’s dich nicht treffen, dich nicht treffen!

Denn er…

Elifas Lobpreis klingt im Psalm genauso an wie Hiobs Qual. Er stellt die beiden Seiten göttlichen Wirkens nebeneinander. Das Verderben in der Welt und Gottes Güte und Schutz sind gleichermaßen wirklich, auch in unserem Leben. Und beides bedingt sich gegenseitig — wie Karfreitag und Ostern ist eines alleine sinnlos. Unser Gott ist Einer, aus seiner Hand empfangen wir beides. Darin ist Trost. Es ist das Geheimnis von Leben, Tod und Auferstehung.  

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 12/2020

und ich habe achtgehabt auf euch. Aber siehe, da ist keiner unter euch, der Hiob zurechtweise oder seiner Rede antworte.
Hiob 32,12

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Ein Sinn des Leids

Noch einmal Hiob, wie in der vergangenen Woche. Von Genesis 1,1 „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“ bis Off 22,21 „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch. Amen“ umfasst die alte Lutherbibel 31.173 Verse. Davon gehören 1069 zu Hiob, das Buch ist recht umfänglich. Wenn man Hiob gezogen hat, liegt die Wahrscheinlichkeit, in der kommenden Woche nochmals Hiob zu ziehen, bei 3,43%. Wenn man Woche für Woche zieht, kann eine solche Konstellation nicht ausbleiben. Andererseits: ex ante liegt die Wahrscheinlichkeit, zweimal hintereinander Hiob zu ziehen, bei nur 0,12%

Habe ich in der letzten Woche etwas Wichtiges übersehen? 

Vor langer Zeit muss jemand genau dies Gefühl gehabt haben. Elihus Reden, aus der wir gezogen haben, sind nämlich eine spätere Einfügung. Elihu wird im Buch Hiob vorher nicht erwähnt und nachher nicht, stets ist nur von drei Freunden die Rede, Elifas, Bildad und Zofar. Durch den Einschub der Reden Elihus folgt die Antwort des Herrn auf die ultimative Herausforderung durch Hiob eigenartig verzögert, um sieben Kapitel. Die Einfügung muss den Redaktoren sehr wichtig gewesen sein. Was wird hier nachgetragen, was rechtfertigt den Eingriff?

Elihu ist deutlich jünger als die anderen, und was er zu sagen hat, platzt schier aus ihm heraus, er kann es nicht halten. Elihu spricht charismatisch, er führt den Geist Gottes als Quelle unmittelbarer Erkenntnis an und wirkt dabei gelegentlich etwas überheblich. Man findet viel, was schon in den Reden der Freunde anklingt, und der letzte Teil ist eine Einleitung für die nachfolgende Rede des Herrn aus dem Sturm. Ein Argument aber ist eigenständig und steht im Zusammenhang mit dem gezogenen Vers. Es geht um einen Zweck des Leids:

Leid muss nicht Strafe sein, es ist eine der beiden Wege, in denen Gott direkt zu uns spricht — die andere ist Traum und Inspiration. Leid bekommt bei Elihu eine positive Bedeutung. Es ist Teil des Gesprächs des Menschen mit Gott. Wir sollen dieses Gespräch nicht zurückweisen. 

Das aber tut Hiob. Es steht uns nicht an, uns über Gott zu erheben. Gott ist vollkommen und kann notwendig nicht anders sein als gerecht. Hiobs Verfehlung liegt nicht in vergangenem Verhalten, wie es die drei anderen Freunde vergeblich darzulegen suchen, sondern in seinem gegenwärtigen Umgang mit dem Leid. Hierauf bezieht sich der gezogene Vers. Hiob verhält sich grundlegend falsch und keiner der älteren Freunde spricht es an.

Leid kann Quelle von Ärgernis sein, aber auch von Erkenntnis. Was es uns wird, liegt in gewissem Rahmen bei uns. Und es ist wahr: wieviel kann denn jemand wissen, der nie gelitten hat? 

Das Buch Hiob mag weise sein, aber es ist nicht tröstlich. Wie im Talmud folgt Gegenrede auf Rede, alles kann wahr sein oder auch falsch — das Gesagte muss sich im Diskurs bewähren. Am Ende werden vom Herrn sowohl die Reden der drei Freunde verworfen wie auch der Anspruch Hiobs. Gilt nun die Vorläufigkeit auch für die Rede des Herrn selbst? Das Buch schillert unheimlich. Keiner der fünf menschlichen Gesprächspartner kennt die Wahrheit hinter Hiobs Leid. Sie ist nicht schön: Der Mann liegt festgeschnallt auf einem kosmischem Seziertisch, seine Reaktion soll erforscht werden. Ein allmächtiger Gott kann und darf das. „Gerecht“ im üblichen Sinne des Worts ist es nicht. Aber wir dürfen auf Gnade hoffen. Wie im Märchen steht am Ende Hiob wieder da wie am Anfang, nur größer noch und schöner.

Elihus Intervention genießt eine Ausnahmestellung: Auf sie folgt keine Gegenrede: was er sagt, wird nicht bestätigt, noch verworfen, auch vom Herrn nicht. Es steht gewissermaßen jenseits des Diskurses. Vielleicht ist es ja so: unabhängig von der dahinterliegenden Wahrheit kann uns Leid ein Weg sein. Im Leid lernen wir über uns, über die Welt und über Gott. Wenn wir das Leid nutzen, nehmen wir ihm von seiner vernichtenden Wirkung. 

Die kommenden Wochen werfen viele von uns auf sich selbst und die engste Familie zurück. Das kann eine arge Einschränkung bedeuten. Nicht ohne Grund leben die meisten anders, wenn man sie lässt, vernetzt, in ständigem Austausch, auf hoher Drehzahl. Aber es ist mit Händen zu greifen, dass dieses allgemeine und gleichzeitige Herunterfahren des Lebens auch eine Chance ist — wenn und nur wenn man bereit ist, es als Chance zu sehen. Fastenzeit für Christen und Nicht-Christen.

Ich wünsche uns eine Woche, in der wir in Freud und Leid Gott, der Welt und auch uns selbst innig verbunden bleiben. Und Gottes Segen!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 11/2020

Du weißt es ja; denn zu der Zeit wurdest du geboren, und deiner Tage sind viel.
Hiob 38,21

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Größenordnungen

Der Vers ist aus dem Buch Hiob, aus der ersten Rede des Herrn aus dem Sturm. Aus derselben Rede stammte vor knapp einem Jahr den BdW 15/2019. Allgemeines zum Buch Hiob gab es zum BdW 19/2018. In einer Art Laborexperiment muss Hiob leiden, obwohl er sein Leben gerecht führt. Gott und der Versucher wollen beobachten, ob seine Gottesfurcht bestehen bleibt, oder — so erwartet es der Versucher — einfach verdunstet, wenn die Zeiten hart werden. Sie verdunstet nicht, aber Hiob tut etwas Unerwartetes: Er klagt sein Recht ein. Er hat sich an die Spielregeln gehalten, möge Gott dasselbe tun. Es gibt einen Bund! Und er ruft Gott selbst als Anwalt und Richter an in seinem Rechtsstreit mit Gott.

Der antwortet, als Hiobs Freunde schweigen, und was er sagt, ist niederschmetternd. In einer gewaltigen Rede ruft er die Größe der Schöpfung auf. Rechten zu können setzt Wissen voraus, und der Mensch und sein Wissen sind inkommensurabel mit der Größe des Schöpfers und seiner Schöpfung. Rechten mit Gott ist daher unmöglich. Unser Vers sagt das mit fast boshafter Ironie: sein zeitlicher Bezug — „zu der Zeit“ — ist die Schöpfung selbst. Damit wirft er ein scharfes Licht auf die Größenordnungen. Ganz ohne Ironie tut dies auch Psalm 90:

Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!
Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.
Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom,
sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst,
das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt. (Ps 90,3-6)

Und etwas weiter unten: 

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden (Ps 90,12)

Erstaunlich ist nun aber, dass Gott dem Hiob am Ende unvermittelt recht gibt, als dieser gänzlich aufgegeben hat und gar nichts mehr sagt. Zu den Freunden Hiobs spricht er: 

Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob. So nehmt euch nun sieben junge Stiere und sieben Widder und geht hin zu meinem Knecht Hiob und opfert Brandopfer für euch; aber mein Knecht Hiob soll für euch bitten; denn ihn will ich erhören, dass ich euch nichts Schlimmes antue. Denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob. (Hiob 42,7f)

Worin hat Hiob recht vom Herrn geredet? Der Text lässt es offen, der Leser muss es erraten. Der juristische Ansatz ist es nicht, unser Vers macht klar: bei Gott kann man nichts einklagen. Ich meine, es war das immer fortbestehende Vertrauen, das Hiob sagen lässt: 

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. (Hiob 19, 25-27)

Das Buch sagt uns, dass wir uns auf den Herrn verlassen können, auch wenn wir nicht verstehen und nicht nachvollziehen können, was uns geschieht. Und noch etwas gibt es: Der Herr wendet das Geschick Hiobs erst, als dieser — in all seinem Elend und nun gänzlich gebrochen — tatsächlich für seine Freunde bittet, die ihn bis aufs Blut gereizt haben.  

Ich wünsche uns eine gute Woche, in der wir die Größenordnungen im Blick behalten und füreinander einstehen, klein und sterblich wie wir sind. Etwas anderes macht eigentlich keinen Sinn. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 15/2019

… wenngleich über ihm klingt der Köcher und glänzen beide, Spieß und Lanze.
Hiob 39,23

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Momente mit Gott im Grenzbereich

Weiterhin Passionszeit… ein Vers aus Hiob. Diesmal nicht aus dem Teil, in dem Hiob klagt und fragt, sondern aus Gottes Antwort aus dem Sturm. 

Zum Buch und seiner existentiellen Frage siehe den Text zum BdW 19/2018

Am Mittwoch sprach ich mit meiner Hebräisch-Lehrerin über den Text eines Lieds von Hanan Ben Ari. Hier ist ein Youtube-Link zu „Mah ata rozeh mimeni? — Was willst Du von mir? 

Die Schlüsselzeilen lauten: 

Genug geschwiegen. Jetzt sprich:
Was willst Du von mir? Was? Was?
Wer hat Dich gebeten, mir eine Seele zuzuwerfen?
Warum kommst Du nicht zur Mittagszeit? 
Halt mich fest. Sieh mir in die Augen.

Meine Tochter Mathilde hörte das Lied und wollte wissen, was der Text bedeutet. Ich übersetzte ein wenig und sagte, dass der Mann wohl mit Gott redet. Sie meinte, so dürfe man doch mit Gott nicht sprechen. Aber so ähnlich fragen Hiob, Jeremiah und manche der Psalmisten, und am Ende seines Lebens auch Jesus. 

Gottes Antwort aus dem Sturm: Vordergründig geht es um Gottes inkommensurable Macht und seinen über aller Vernunft stehenden Ratschluss, die es unsinnig machen, Rechte einzuklagen. Dahinter handelt der Text aber auch davon, wann und wo man Gott begegnet. 

Zum Beispiel zur Mittagszeit! Die Umgebung unseres Verses liest sich wie folgt: 

Kannst du dem Ross Kräfte geben oder seinen Hals zieren mit einer Mähne? Kannst du es springen lassen wie die Heuschrecken? Schrecklich ist sein prächtiges Schnauben. Es stampft auf den Boden und freut sich, mit Kraft zieht es aus, den Geharnischten entgegen. Es spottet der Furcht und erschrickt nicht und flieht nicht vor dem Schwert. Über ihm klirrt der Köcher und glänzen Spieß und Lanze. Mit Donnern und Tosen fliegt es über die Erde dahin und lässt sich nicht halten beim Schall der Trompete. Sooft die Trompete erklingt, wiehert es »Hui!« und wittert den Kampf von ferne, das Rufen der Fürsten und Kriegsgeschrei.

Ein Pferd, das mit seinem Reiter mit voller Kraft und gänzlich angstfrei auf die gegnerische Schlachtreihe zustürmt — in der gleißenden Mittagssonne blitzen die Waffen und die Welt ist angefüllt von unglaublichen Tönen: donnernde Hufe, Trompeten, überall Rufe und Kriegsgeschrei. Ein Kavallerieangriff, Sekunden vor dem blutigen Zusammenprall. Die Bewegung wird zur Zeitlupe, dann zum „Still“. Da also ist Gott. 

Politisch höchst inkorrekt natürlich. Ich ging mit dem Lied von Ben Ari im Kopf auf meinen Arbeitsplatz zu, in einem Frankfurter Büroturm. Noch ein paar Meter. Ja, warum zeigst du dich nicht, wo bist du? Und auf einmal war da das Morgenlicht, der Aprilhimmel, ich spürte den kühlen Wind, sah die vielfältige Bewegung auf der Straße, die Menschen, die Autos um mich her. Da also! Die Welt als Interface. Der Vers aus Hiob fiel mir ein, ich verstand ihn auf einmal und spürte den Donner der Schlacht und das unaufhaltsame Stürmen des Pferdes unter mir. So betrat ich die vollsynthetische Welt des Frankfurter Trianon, die keine Außenluft kennt. Was für ein Absturz! Und ich wusste, dass das Bild richtig ist, auch wenn ich’s nicht erklären kann.

Momente mit Gott im Grenzbereich. Wollen wir sie eigentlich? Was wollen wir?
Ulf von Kalckreuth

PS: Die erste Antwort Gottes aus dem Sturm (ab Kap 38!) ist von ungeheurer poetischer Kraft. Ich habe erlebt, wie ein Prediger sie einfach nur vorgelesen hat. 

Bibelvers der Woche 45/2018

… deine Rede hat die Gefallenen aufgerichtet, und die bebenden Kniee hast du gekräftigt.
Hiob 4,4

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Mit Trauernden sprechen

Hiob ist ein gottesfürchtiger Mann, doch Satan hält das für Schönwettertreue und fragt sich, was davon übrigbleibt, wenn die Zeiten schlecht werden. Gott erlaubt dem Satan, in diesem Sinne mit Hiob zu verfahren wie ihm beliebt, vorausgesetzt, jener bleibt am Leben. Und so geschieht es: Hiob verliert alles, Geld, Gut, Gesundheit, all seine Kinder… nur sein Leben nicht. 

Drei Freunde kommen, ihn zu trösten. Eine Woche lang spricht keiner ein Wort, entsprechend dem jüdischen Trauerritus. Dann bricht Hiob das Schweigen. Über zwei normale Druckseiten hinweg verflucht er den Tag, an dem er geboren wurde, ganz wie einen Menschen, mit phantastischen, sprachlich sehr schönen Ausschmückungen und fast grotesker Liebe zum Detail.

Dann erhebt Elifas von Taman das Wort. In die Einleitung dieser ersten von vielen Reden und Gegenreden fällt unser Vers. Im Kontext steht dort:

Du hast’s vielleicht nicht gern, wenn man versucht, mit dir zu reden; aber Worte zurückhalten, wer kann’s? Siehe, du hast viele unterwiesen und matte Hände gestärkt; deine Rede hat die Strauchelnden aufgerichtet, und die bebenden Knie hast du gekräftigt. Nun es aber an dich kommt, wirst du weich, und nun es dich trifft, erschrickst du! 

Ein Vorwurf gleich zum Einstieg! Hiob hat vielen geholfen, die in einer Krise steckten, nun, da es ihn selbst trifft, ist alles vergessen. Man fühlt sich an das später von Jesus ironisch zitierte Sprichwort „Arzt, hilf Dir selbst!“ erinnert. 

Aber so hart ist es nicht gemeint. Elifas hat eine echte Botschaft und hofft auf Hiobs Zustimmung. Seine erste Rede enthält zwei Stellungnahmen die damals ausgesprochen innovativ waren. Erstens: „Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott oder ein Mann rein sein vor dem, der ihn gemacht hat?“ Das klingt sehr modern — man hört Paulus und Luther — in den älteren Büchern des AT und den Psalmen gewinnt man eher den Eindruck, dass alles gut werde, wenn man nur die Regeln befolgt, und dass dies auch nicht zu viel verlangt sei. Elifas sagt, dass nur die Hinwendung an Gott und das Vertrauen in ihn Erlösung ermöglicht. Zweitens: „Siehe, selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist; darum widersetze dich der Zucht des Allmächtigen nicht. Denn er verletzt und verbindet; er zerschlägt und seine Hand heilt“. Auch aus dem Unglück kann Gott uns Glück erwachsen lassen, dies ist nicht durch- oder überschaubar, aber der Glaube daran macht es wahr. 

Der zuletzt zitierte Vers ist in meiner Bibel sogar fett gedruckt, als ein Wort, das man sich zu Herzen nehmen möge. Was ist also falsch daran? Ich frage so, weil später im Text Gott persönlich die Reden der Freunde in Bausch und Bogen verwirft und Hiobs Worte stehen lässt, zuvörderst allerdings dessen endliche Unterwerfungserklärung unter Gottes Allmacht. Und nur Hiobs Gebet für die Freunde kann diese am Ende vor Gottes Zorn retten.

Ich denke, Elifas’ Fehler ist im gezogenen Vers codiert. Der Vers weiß mehr als derjenige, der ihn spricht. Elifas ist ja hier selbst in der Rolle des Helfenden, nicht Hiob. Da gilt es achtzugeben: Er spricht zu einem Trauernden, und es gibt Wahrheiten, die in manchen Situationen falsch sind. Es mag sein, dass es gänzlich unvermeidlich ist, in Gottes Augen schuldig zu werden und dass dies das Leben anfrisst wie Säure, und nur die unbedingte Hinwendung an Gott uns retten kann, und es mag auch sein, dass manches Leid heilende Wirkung hat, weil es Kräfte freisetzt für wesentlichen Dinge — allein: dies mitzuteilen ist kein Weg in das Herz des Trauernden. Damit diese Wahrheiten wirksam werden, muss dieser selbst darauf stoßen, muss erkennen, dass es FÜR IHN so ist. 

Hiobs Reaktion im nächsten Abschnitt ist sehr „sprechend“. Er wünscht sich einen schnellen Tod und schreit seine Freunde an, sie mögen ihn mit sinnlosen Belehrungen verschonen und wenigstens an dieser Stelle mehr Gnade zeigen als Gott.

Im Mund des nicht Betroffenen werden Wahrheiten dieser Art zu Besserwisserei oder gar Selbstgerechtigkeit. Man kann mit dem Leid anderer nicht umgehen wie mit dem Thema einer Seminararbeit. Es geht es nicht darum, „recht zu haben“ und die eigene Kompetenz zu beweisen. Das klingt banal, aber im Vollzug ist es richtig schwer! Elifas hat Wahrheiten gefunden und will sie weitergeben. Er beschreibt die Vision, die ihm diese Wahrheiten eröffnet hat. Nach alttestamentarischer Konvention ist seine Rede damit prophetisch. Ja, „Worte zurückhalten — wer kann’s?“

Wie wären wir in das Gespräch eingestiegen? Wären wir denn überhaupt den weiten Weg zu Hiob gekommen?

Ich wünsche uns eine Woche, in der wir die rechten Worte finden — zur rechten Zeit, am rechten Platz. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 19/2018

Da hörten die drei Männer auf, Hiob zu antworten, weil er sich für gerecht hielt.
Hiob 32,1 

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Die Bäume und der Wald

Das Buch Hiob handelt vom menschlichen Leid und der Gerechtigkeit vor Gott. In einem Prolog wird eine Laborsituation hergestellt: Hiob ist ein gottesfürchtiger und gerechter Mann, auf dem das Wohlwollen des Herrn ruht. Der Teufel, hier als Angehöriger Gottes Entourage, äußert die Überzeugung, mit Hiobs Gottesfürchtigkeit wäre es nicht weit her, wenn der Herr ihn nicht in allem beschützen und bewahren würde. Der Herr lässt sich auf eine Wette ein: der Teufel darf alles an und um Hiob vernichten, nur sein Leben muss er ihm lassen. So geschieht es — Gott lässt ihn in eine unerträgliche und entwürdigende Situation fallen, in Krankheit und Schmach, er behält nur das nackte Leben. 

Drei Freunde suchen ihn auf, ihn seelisch zu stützen. Zum ihrem großen Verdruss beharrt Hiob darauf, gerecht zu sein. Im Verhältnis zu Gott fordert er seinerseits Gerechtigkeit ein, andererseits und gleichzeitig äußert er aber auch die feste Überzeugung, dass Gott ihm diese Hilfe am Ende geben wird („Ich weiß, dass mein Erlöser lebt…“). Hiob behält seinen Glauben, auch noch in der tiefsten Verwundung. 

Hier ist ein theologisches Problem. Im damaligen Judentum war die Sache klar: wer die Bundeszusage hatte und sich an die Gebote hielt, konnte der Unterstützung des Herrn sicher sein. Wem es schlecht ging, der hatte dies entweder durch Übertretungen selbst verschuldet, oder aber war das Opfer von Übertretungen seiner unmittelbaren Vorfahren (siehe hierzu BdW, KW 7). Insofern können die Freunde nicht anders, sie müssen Hiobs Anspruch zurückweisen. Er solle sich erforschen, er werde Übertretungen finden.

Schließlich, nach langen Diskussionen, ist Hiobs Antwort harsch. In einem kurzen Abschnitt stellt er fest, dass er sein ganzes Leben lang in Gottes Gebot gelebt hat. Er nennt die Gebote und die wichtigsten Regeln einzeln und kann auch darlegen, dass er Gottes Gebote nicht nur dem Buchstaben, sondern auch dem Geiste nach befolgt hat: immer war er für den Nächsten, den Schwachen da. Er ist sogar zur Feindesliebe gelangt, damals beileibe noch keine explizite Forderung.

Und dann kommt ein Satz, der den Freunden Blasphemie sein muss: 

35 O hätte ich einen, der mich anhört – hier meine Unterschrift! Der Allmächtige antworte mir! –, oder die Schrift, die mein Verkläger geschrieben! 36 Wahrlich, dann wollte ich sie auf meine Schulter nehmen und wie eine Krone tragen. 37 Ich wollte alle meine Schritte ihm ansagen und wie ein Fürst ihm nahen.

Hiobs Vertrauen in die eigene Gerechtigkeit ist dergestalt, dass er Gott und seiner Anklage wie ein Fürst gegenübertreten zu können glaubt!

An diese Stelle gehört der gezogen Vers: die drei Männer schweigen, weil Hiob sich für gerecht hält! Auf dieses Schweigen nun folgen die Rede eines vierten Freundes (der bis dahin nicht erwähnt wurde), und dann die Antwort Gottes selbst aus dem Sturm. Durch die Laborsituation weiß der Leser, dass Hiob tatsächlich gerecht ist: in der Rahmenerzählung stellt Gott selbst das unzweideutig fest. Auch seinen Glauben und die Gottesfurcht behält er. Hiobs Beharren auf die eigene Gerechtigkeit aber lässt alle anderen verstummen und es zieht die sehr nachdrückliche Zurechtweisung Gottes nach sich. 

Das Bestehen auf der eigenen Gerechtigkeit wird im Buch Hiob verurteilt. Es isoliert uns von den anderen Menschen — das zeigt der Vers –, es entfremdet uns aber auch von Gott. Seine Gerechtigkeit, das sagt seine Rede aus dem Sturm, ist nicht mit menschlichen Maßstäben zu messen. Wir können uns mit einem Wesen, das so hoch über uns steht, nicht mit Kategorien auseinandersetzen, die für das Verhalten von Menschen gemacht sind. Vor lauter Totholz sehen wir dann den Wald nicht mehr: Gottes Macht und Größe. 

Es ist gut, den Versuch zu machen, Gottes Geboten zu folgen. Soweit der Versuch (mit Gottes Hilfe) gelingt, ist dies noch besser. Und man soll keinen Gedanken an die Position verschwenden, die man sich dadurch möglicherweise erwirbt — der Gedanke selbst führt in die Irre. 

Was aber die anderen Menschen betrifft:  Mit dem Beharren auf die eigene Gerechtigkeit verwandelt man jede fruchtbare Auseinandersetzung in ein Schweigen.

Ich wünsche uns eine gute Woche,
Ulf von Kalckreuth