Bibelvers der Woche 04/2026

Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahinkommt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und wachsend, dass sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen:…
Jes 55,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Worte wie Regen in Israel

Der Blog kann ein wenig ruhen — denn es genügt, die engere Umgebung des Verses wiederzugeben. Unser Vers ist ein Bild für das Wirken von Gottes Wort im Leben der Menschen und in der Welt. Hier sind die Verse 8-11 von Jesaja 55, in der Übersetzung von 1984: 

Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

Dieser Tage ist der Vergleich mit Regen und Schnee in Deutschland nicht eben intuitiv. Wir alle hier hoffen und warten auf Licht. Aber Jesaja ist Israelit, und vielleicht schrieb er diese Zeilen im erbarmungslos heißen Sommer. Das Bild unten zeigt die Blüte einer wilde Lilie in Israel zur Regenzeit. Ein Freund schickte mir dies Foto im Februar 2021. Möge das Wort des Herrn in unseren Tagen blühen wie diese Lilie.

Der Herr segne uns und behüte uns,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 03/2026

Ich kann nichts von mir selber tun. Wie ich höre, so richte ich, und mein Gericht ist recht; denn ich suche nicht meinen Willen, sondern des Vaters Willen, der mich gesandt hat.
Joh 5,30

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Weltenrichter

Das letzte Gericht wieder, wie in der vergangenen Woche und in der vorvergangenen und auch schon vor vier Wochen. Nie in meinem Leben mußte ich so viel darüber nachdenken. Vielleicht liegt das auch an unserer Welt. Der Gedanke ans Gericht mag uns daran erinnern, dass es nicht gleichgültig ist, was wir tun und wie wir es tun — im Kollektiv nicht und auch nicht individuell.

Hier im Vers spricht der Richter selbst zu uns. Es ist Jesus Christus, wussten Sie das? Was im Mittelalter jedem gewärtig war, haben wir verdrängt. Jesus ist gütig, milde, barmherzig, er ist Heiler und ein Mittler zu Gott, in dessen Hände wir uns fallen lassen können, der uns trägt, fleischgewordenes Wort Gottes… Aber er ist eben auch König und Richter. Am Ende der Apokalypse, des Untergangs unserer Welt steht in den Schriften des Neuen Testaments das Weltgericht, mit Christus als Richter. 

In unserem Vers sagt Jesus etwas Eigenartiges. „Ich kann nichts von mir aus tun. Wie ich höre, so richte ich.“ Der Weltenrichter hat drei unabänderliche Vorgaben, die ihn festlegen: das Gesetz Gottes, seinen Auftrag und das, was in der Welt nun einmal geschehen oder unterblieben ist. Nicht seinen Willen sucht er, sondern den seines Vaters. 

Der Herr selbst, JHWH, tritt nicht in Erscheinung. Denn der Vater richtet niemand, sondern hat alles Gericht dem Sohn übergeben, damit sie alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren (V. 22f). In den alten Schriften wäre der Weltenrichter ein Erzengel gewesen, Michael vielleicht. Im Neuen Testament ist es der auf die Welt zurückgekehrte Christus, der diese machtvolle, aber ausführende Rolle übernimmt. 

Und gerade eben lese ich folgendes. Auf die Frage, ob es Einschränkungen für seine weltweite Macht gebe, antwortete der amerikanische Präsident Donald Trump, es gebe nur eine Sache: „Mein eigener Sinn für Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das einzige, was mich stoppen kann.“ (FAZ, 10.01.2026, S.1)

Klingt das nicht sonderbar, im Licht unseres Verses? Gott schütze uns alle, er schütze auch Donald Trump. Der Herr führe uns aus dem Gericht, er führe uns zum wahren Leben schon in dieser Welt,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 02/2026

Blick in einen Kugelsternhaufen, wie in ein Feuerwerk

Darum wird sie auch der Löwe, der aus dem Walde kommt, zerreißen, und der Wolf aus der Wüste wird sie verderben, und der Parder wird um ihre Städte lauern; alle, die daselbst herausgehen, wird er fressen. Denn ihrer Sünden sind zuviel, und sie bleiben verstockt in ihrem Ungehorsam.
Jer 5,6

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Feuerwerk

Mmh. Klingt nicht gerade anheimelnd. Wie ich dies schreibe, ist Silvesterabend, und eigentlich wünscht man sich da etwas Zuspruch für die Zukunft. In der vergangenen Woche gab es einen sehr ähnlich klingenden Vers aus Micha, und vor drei Wochen — erinnern Sie sich? — hatten wir schon einen anderen Vers aus Jeremia 5! Das bleibt nicht ohne Eindruck bei mir.

Der Vers vor drei Wochen, BdW 51/2025 war Jer 5,15, ebenfalls eine Ankündigung von Vernichtung und Strafe, funktional sehr ähnlich. Wo Vers 15 den bevorstehenden Untergang sehr präzise und konkret charakterisiert, ist Vers 6 noch unbestimmt. Er gebraucht starke Bilder, die auf eine Hungersnot ebenso passen würden wie auf eine Seuche oder einen Krieg. Der Vers gilt der Elite des Volks, den „Großen“, von denen Jeremia so enttäuscht ist.

Was tun mit diesem wenig heimeligen Vers?  

Vorhin habe ich versucht, ein Abendessen für unsere Familie zu holen. Das Restaurant liegt in einem kleinen Einkaufszentrum in unserer Nähe. Es war gegen 20:30 Uhr. Auf dem Weg sah ich, wie auf der Straßenseite gegenüber aus einem Hochhaus schwere Böller auf Passanten geworfen wurden, Polizei fuhr vorbei. Überall Krachen. Als ich ankam, war das kleine Einkaufszentrum dunkel und verwaist. Nur eine Familie mit einem Kind war da und böllerte. Auf dem Rückweg war ich auf die Gefahr konzentriert, die von den Hochhäusern ausging, und ich lief in die falsche Richtung. An einem der Hochhäuser stand ein Krankenwagen. Ich eilte zurück nach Hause, ohne Abendessen. Unter dem Tisch zitterte der Hund. 

Vor Zeiten diente der Neujahrslärm dazu, Dämonen zu vertreiben und der Angst in den Raunächten etwas handfestes entgegenzusetzen. Jetzt machen wir sie uns selbst, die Dämonen und die Angst. Tote wird es geben heute Nacht, Verwundete und viele Menschen mit Vergiftungen, Alkohol und anderes.

Die Verse von Jeremia und Micha treffen meinen Gemütszustand und meine Erwartungen. Es geht uns nicht gut, als Gesellschaft meine ich. Was an Entwicklungen offen liegt, kann sich in seiner Dynamik nicht lange fortsetzen, ohne dass sich Grundsätzliches ändert — zum Guten oder zum Schlechten. Es wird unbequem.

Wir sind zum Tod verurteilt, sagt der Vers, unsere Sünden verurteilen uns. Was wir tun, tötet uns, und ebenso auch wie wir es tun — die Gleichgültigkeit, die Lügen, die Ichbezogenheit. Das sagt Jeremia klar und deutlich. Es wird etwas übrig bleiben, sagt Jeremia auch, genug, dass eine neue Welt entstehen kann. Der Untergang macht Platz für Heil. Auch das. Beides gleichermaßen! Und Gott gibt uns einen Schlüssel in die Hand.

Gott spricht: siehe: ich mache alles neu!

Das ist Offenb 21, ganz am Ende der Bibel, die Jahreslosung für 2026. Das Beitragsbild oben ist das Astronomic Picture of the Day für den 28.12.2025, Urheber des Bilds sind ESA/Hubble und NASA. Es ist ein ganz besonderes Feuerwerk — ein Blick in NGC 1898, ein Kugelsternhaufen in der großen Magellan’schen Wolke. Kosmisch ist Werden und Vergehen ein und dasselbe, und es liegt große Schönheit darin.

Was uns beherrscht, den Pardern überlassen, damit Platz wird für Neues, für Heil? Vielleicht ist das neue Jahr ein Schritt dorthin.

Gott sei immer mit uns!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 01/2026

Illustration zu Micha 5 -- Ein Licht in der Finsternis und Dunkel im Licht

…und will die Städte deines Landes ausrotten und alle deine Festen zerbrechen.
Micha 5,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Dunkel im Licht

Erschrecken Sie nicht — in der Wochenzählung hat 2026 bereits begonnen. Im Netz steht unser Vers im alten Jahr, aber die dazugehörige Woche gilt schon als die erste des neuen. „Zwischen den Jahren“ nennt man diese Zeit, die unbestimmte Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Und da habe ich den richtigen Vers für Sie gezogen.

Das Buch Micha ist sehr alt, Micha ist Zeitgenosse Jesajas und gehört zu den ‚kleinen Propheten‘. Das bezieht sich auf den Umfang der Schrift, der Abschnitt, aus dem wir gezogen haben, ist ausgesprochen prominent. Micha macht konkrete Aussagen über den Messias, den erwarteten Heilsbringer, und auch darüber, wo er zur Welt kommen wird: Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. (Micha 5,1)

Erinnern Sie sich an die Weisen aus dem Morgenland? Matthäus 2 berichtet, wie sie achthundert Jahre nach Micha von fern in die judäische Hauptstadt Jerusalem kommen, um dem neuen großen König zu huldigen, dessen Stern sie weit im Osten hatten aufgehen sehen. In Jerusalem wusste man nichts von einem neuen großen König der Juden. Herodes der Ältere, der Machthaber, befragt sehr besorgt seine Schriftgelehrten, wo denn dieser Heilsbringer zur Welt kommen solle. Mit Verweis auf Micha 5 antworten sie: in Bethlehem! 

Etwas ist sonderbar. Nicht nur Herodes ist besorgt, das ist unmittelbar einsichtig, sondern seine ganze Umgebung: Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, (Mt 2,3). Warum das? Warum erschrecken die Menschen und freuen sich nicht, wie Maria sich freut, und Simeon, und die Hirten auf dem Feld? 

Ich denke, es hat mit unserem Vers zu tun, und mit der Natur der Herrschaft des Messias und des Reichs Gottes. In Micha 5 steht viel Wunderbares zu lesen über die neue Zeit. Aber man liest dort ebenso deutlich, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Das Umfeld unseres Verses lautet, bezogen auf die Zeit der Heraufkunft des Messias (Micha 9-13):

Zur selben Zeit, spricht der HERR, will ich deine Rosse ausrotten und deine Wagen zunichtemachen und will die Städte deines Landes vernichten und alle deine Festungen zerbrechen. Und ich will die Zauberei bei dir ausrotten, dass keine Zeichendeuter bei dir bleiben sollen. Ich will deine Götzenbilder und Steinmale aus deiner Mitte ausrotten, dass du nicht mehr anbeten sollst deiner Hände Werk, und will deine Ascherabilder ausreißen aus deiner Mitte und deine Städte vertilgen.

Keine neue Ordnung ohne den Untergang der alten. Irgendwie logisch. Das Muster ist uns in den vergangenen Wochen in den Versen 51/2025, 50/2025 und 47/2025, 42/2025 bereits begegnet. Ganz allgemein gibt es in der Bibel die Tendenz, als Voraussetzung für echten Wandel die Umkehrung der bestehenden Ordnung zu verlangen.

Welcher Begünstigte der bestehenden Ordnung wird ihren Umsturz wollen? Wenn es einem gut geht im Ancien Régime, warum sollte man sich eine Katastrophe wünschen, die der alten Ordnung den Garaus macht? 

Ich verstehe das gut. Ich arbeite für den Staat, und ich bewege mich auf meine Pensionierung zu. Ich kenne kein Arbeitsplatzrisiko und kein nennenswertes Armutsrisiko mehr. Ich bin gesund. Ich habe allen Grund zur Dankbarkeit. Bin ich reich? Der Reichtum liegt nicht so sehr in bezifferbarem Vermögen als vielmehr in der Lebenslage. Sie zu ändern, würde alles gefährden…! 

Aber dann — wie würde ich reagieren, wenn ich die Tür zum Reich Gottes einen Spalt offen stehen sähe? Wie würde ich auf die alte Welt blicken? Könnte ich den Schritt tun? Die Frage macht mir Sorge. Jesus sagte einmal, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gelange als ein Reicher in den Himmel. Über den Ausspruch wird viel gestritten, aber denke, ich weiß, was er meint und wen er meint. Und wenn das so ist, was soll man sich denn eigentlich wünschen, für sich selbst und für seine Kinder? 

Die Aussicht aufs Reich Gottes: Dieser Tage steht es vor uns, schön und furchtbar zugleich, Sehnsuchtsort und Schreckensszenario. Wenn die Bibel von der neuen Welt erzählt, spricht sie immer auch vom Untergang der alten. Weihnachten hat seinen Platz als Licht in der Finsternis gerade in der dunkelsten Zeit. Kaum ein Prediger vergisst, das zu betonen. Aber da gibt es ein Gegenstück — das Dunkel im Licht. Den Menschen zu Jesu Zeit war das sehr bewußt. 

Das ist er also, unser Vers zum Jahreswechsel und zur Woche zwischen den Jahren. Ich wünsche uns allen ein gesegnetes Neues Jahr. Im Vaterunser beten wir, dass der Herr uns nicht in Versuchung führe. So sei es. Amen, Gott sei mit uns.  
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 52/2025

Und er baute einen Umgang an der Wand des Hauses ringsumher, dass er um den Tempel und um den Chor her ging, und machte Seitengemächer umher.
1 Kö 6,5

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Tür an Tür mit Gott

Zum vierten Advent einen Vers über den Bau des Tempels… Das Buch der Könige wurde nach der Zerstörung des ersten Tempels geschrieben. Diese liebevolle Erzählung vom seinem Bau mit seinen vielen Einzelheiten, ein Bauplan sozusagen — sie dient der Erinnerung. 

Hier ist ein Grundriss des Tempels nach den Angaben der Bibel. Unser Vers berichtet von einer Struktur aus Räumen, die den Kern des Tempelbaus auf drei Seiten umgab, eingezeichnet in hellem Orange. 

Grundriss des Tempels, mit einer dreistöckingen Umfassung mit Wohn- und Arbeitsräumen
  • Hellblau = Das „Heilige“
  • Hellrosa = Das „Allerheiligste“
  • Kräftiges Grün = Tisch für Schaubrote
  • Kräftiges Blau = Vorhang
  • Kräftiges Pink = Schleier
  • Hellorange = Kammern und mögliche Wohnstätten. Dieser Bereich ist in kleine Zellen unterteilt und auf drei Etagen verteilt – eine Wendeltreppe diente dem Zugang zwischen den Stockwerken. 
    Quelle:: Wikipedia Commons, entnommen aus der Encyclopaedia Biblica (1903) mit farblichen Hervorhebungen durch den Wikipedia-Autor..

Die beiden zentralen Örtlichkeiten, das „Heilige“ und das „Allerheiligste“, waren auf drei Stockwerken rings umbaut mit einer Vielzahl von Räumen, die wohl auch als Wohnungen für Priester dienten. Hes 40-41 berichtet von solchen Wohnstätten, und in 2.Kön 11 und 2.Chr 22 wird erzählt, wie ein Priesterpaar ein Kind im Tempel versteckte, den späteren König Joasch, dessen Großmutter Atalja in Jerusalem ein blutiges Terrorregiment errichtet hatte, siehe BdW 43/2023

Das Allerheiligste des Tempels wurde als Wohnstatt Gottes angesehen, ein Ort also von unfassbarer spiritueller Kraft. Man glaubte, dass niemand Gott sehen könne, ohne zu sterben. Unmittelbar daneben aber arbeiteten und wohnten Menschen, nur durch eine Mauer getrennt. Die Priester unterlagen keinem Zölibat, ich erinnere an Zacharias im BdW 50/2025. In ihren Wohnungen wurden Kinder gezeugt, geboren, und erzogen, dort wurde gegessen, gefeiert und gestorben. 

Wie mag sich das angefühlt haben? Beim Aufstehen und beim Schlafengehen, beim Streiten und beim Feiern? Schön, schrecklich, beides? Nach den Erzählungen der Bibel bestanden die Tempel in Jerusalem über tausend Jahre. Während dieser ganzen Zeit gab es Menschen, die sozusagen Tür an Tür mit Gott wohnten. 

Juden feiern dieser Tage Chanukka, das Licht im Tempel. Acht Tage und acht Nächte erhellte eine einzige koschere Kerze diesen Tempel, den Eroberer geplündert und verwüstet hatten. Die Kerze hält durch, bis wieder reines Öl zur Verfügung steht. Für Christen ist Jesus der Inbegriff der Begegnung Gottes mit den Menschen, und in der Woche, die nun kommt, feiern wir das Fest seiner Geburt. Wie wäre es, wenn wir wüssten, dass Gott unser Nachbar ist? Wie würden wir leben? Und wissen wir, dass es nicht so ist? 

Ich wünsche uns allen ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest und chag sameach chanukka, beides mit viel Gegenwart Gottes, so viel es (uns) eben möglich ist. Er möge uns bewahren, Sein Name sei gelobt!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 51/2025

Nachthimmel

Siehe, ich will über euch vom Hause Israel, spricht der HErr, ein Volk von ferne bringen, ein mächtiges Volk, dessen Sprache du nicht verstehst, und kannst nicht vernehmen, was sie reden.
Jer 5,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Gedankenexperiment

Jeremia kündigt im Namen Gottes die Vernichtung an. Hier der Vers im Kontext, in der Übersetzung von 1984:

Siehe, ich will über euch vom Hause Israel ein Volk von ferne her bringen, spricht der HERR, ein Volk von unerschöpflicher Kraft, ein uraltes Volk, ein Volk, dessen Sprache du nicht verstehst, und was sie reden, kannst du nicht vernehmen. Seine Köcher sind wie offene Gräber; es sind lauter Helden. Sie werden deine Ernte und dein Brot verzehren, sie werden deine Söhne und Töchter fressen, sie werden deine Schafe und Rinder verschlingen, sie werden deine Weinstöcke und Feigenbäume verzehren; deine festen Städte, auf die du dich verlässt, werden sie mit dem Schwert einnehmen.

Gott verlässt sein Volk. Nicht ganz, ein Rest des Landes und der Menschen sollen bleiben, damit ein neuer Anfang möglich wird. Jeremia spricht diese Worte irgendwann in der Zeit zwischen den Jahren 625 v. Chr, dem ungefähren Datum seiner Berufung als Prophet, und 597 v.Chr, der ersten Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar. Es folgt eine zweite Eroberung, die dem Staat Juda ein Ende bereitet und die Deportation großer Teile der Bevölkerung nach sich zieht.  

Der Vers klingt für uns dunkel, aber damals war er Klartext. Gerade war Babylon neu entstanden, wie eine Supernova. Assyrien hatte sich die große alte Stadt vor langer Zeit einverleibt, aber die Geschichte, die Kultur, die Sprache und die ethnische Identität der Babylonier waren wachgeblieben. Als die Despotie schwach wurde, stand Babylon auf und dehnte sich mächtig aus, auf den Trümmern des assyrischen Großreichs und weit darüber hinaus. Als Jeremia schrieb, versuchten die Könige Judas noch, durch Taktieren und wechselnden Allianzen sich Vorteile zu verschaffen und ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Ein Volk von unerschöpflicher Kraft, ein uraltes Volk, dessen Sprache du nicht verstehst, und was sie reden, kannst du nicht vernehmen... Im Exil würden die Judäer Gelegenheit haben, die Sprache der Eroberer zu lernen… 

Warum gibt Gott sein Volk preis? Jeremia spricht von der Gleichgültigkeit gegenüber Gott, der Abkehr von seinem Gesetz, der Hinwendung zu falschen Göttern und von Unwahrhaftigkeit, Lüge und Eigennutz auf Seiten der Elite. 

So weit die Eisenzeit und der Orient.

Ein Gedankenexperiment: Wenn der Vers morgen über dem weihnachtlichen Winterhimmel Frankfurts stünde, in Feuerschrift, und wenn dann klar würde, dass es sich nicht um eine Lasershow handelte? Könnten auch wir Klartext verstehen, in unserer Zeit? 

Jeder selbst kann sich das fragen. Was die Drohung betrifft, so fällt mir Rußland ein, oder besser noch, China — ein Volk von unerschöpflicher Kraft, ein uraltes Volk, dessen Sprache du nicht verstehst. Und der Hintergrund, das Warum? Die Stadt und das Land säkularisieren, entchristianisieren sich unfassbar schnell. Wir dienen keinen klassischen Götzen, nein, aber wir vergötzen das Ich. Liebe Gott und liebe Deinen Nächsten wie dich selbst, liebe deine Familie, liebe auch deinen Feind, so lautet das Gesetz Gottes. Sei mit deinem Ich im Zusammenhang aller mit allen…!

Ich sehe meine eigene Schicht, ein Genrebild. Wir schauen auf uns und optimieren alles. Work-Life-Balance, Urlaub, Karriere, Vermögensaufbau, Sicherheit im Alter und ein Eigenheim. Achtsamkeit als Ersatzreligion, Geschlechtsidentitäten. Gesundheit und Fitness. Sünde heute — das ist, einen Vorteil zu verpassen. Kinder sind dem allen mehr als abträglich, deshalb haben wir keine. Im Alter werden Zuwanderer für uns sorgen, und deren Kinder, so glauben wir. Unsere Welt könnte riesig groß sein, und sie ist doch sehr klein. Der Grund, auf dem wir stehen, schwindet. Nach uns die Sintflut. Wir sind nicht offen bösartig, aber wenn es irgend geht, blenden wir die Welt einfach aus. Das Los soll entscheiden, wer gemustert wird. Unsere Seelen sind in sozialen Netzen gefangen.

Das könnte schon passen. Die Erzählungen der Bibel umfassen einen Zeitraum von rund zweitausend Jahren, und ebenso lang ist es her, dass die Sammlung abgeschlossen wurde. Aber irgendwie kann alles gleichzeitig zu uns sprechen, Segen und auch Fluch…  

Die Adventszeit ist Vorbereitung auf eine Endzeit. Nichts bleibt, wie es ist. Ich wünsche uns einen frohen dritten Advent. Das Beitragsbild oben stammt von meiner Tochter Mathilde. Unsere Woche sei gesegnet, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 50/2025

Zacharias sieht den Engel Gabriel neben dem Opferaltar, riesenhaft und außerweltlich

…nach Gewohnheit des Priestertums, und an ihm war, dass er räuchern sollte, ging er in den Tempel des Herrn.
Lk 1,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Und alles ändert sich…

Hier ist Advent, und zwar so sehr, dass der Empfänger der Botschaft völlig überfordert ist. 

Stellen Sie sich folgendes vor: Sie bereiten sich auf eine wichtige Videokonferenz vor. Konzentriert auf Ihre Aufgabe betreten Sie den Arbeitsraum, um die Verbindung aufzubauen. Der Raum ist dunkel. Als Sie das Licht einschalten, steht am Tisch, auf der rechten Seite, eine Gestalt, riesig groß, schwer bewaffnet und in militärischer Kleidung, von innen heraus leuchtend. 

Sie würden die Tür wieder zuschlagen und laut um Hilfe rufen. Oder Sie würden stumm dastehen, in Angst — Sie haben den Verstand verloren, glauben Sie, hoffentlich hört es wieder auf. Ein schreckliches Erlebnis. Es ist, was dem alten Priester Zacharias geschieht, als er den Tempel betritt, um das Rauchopfer zu vollziehen. Fliehen kann er nicht, draussen in den Vorhöfen des Tempels steht das Volk und wartet. Er erkennt in der Gestalt einen Engel Gottes. Das machte es durchaus nicht leichter, Zacharias dürfte an den Todesengel gedacht haben.

Und dann spricht die furchtbare Gestalt und verkündet — Freude. Der alte Priester und seine sehr betagte Frau Elisabeth werden einen Sohn haben: Johannes, den Propheten, der zum Wegbereiter Jesu werden sollte. Zacharias kann es nicht fassen. Da lässt der Engel ihn verstummen, so lange, bis der angekündigte Sohn geboren ist. Als der Priester den Tempel verlässt und das wartende Volk sieht, kann er nur noch winken. 

Es gibt eine enge Parallele zur Geburtsgeschichte Jesu, siehe die BdWs 17/2020 und 20/2024. Der Engel erscheint Maria, und auch sie hat sehr gute Gründe für Unglauben — nie hatte sie Verkehr mit einem Mann. Ihr Schicksal und das von Elisabeth bleiben verschränkt, wie auch das Leben und Sterben ihrer Söhne, Johannes und Jesus.

Die Erzählung birgt zwei starke, zeichenhafte Verweise. Vorzeiten war der Engel auch Abraham und Sarah erschienen, den Erzeltern des jüdischen Volks. Auch sie hatten ihre Hoffnung auf Kinder längst aufgegeben. Und das Verstummen des Priesters erinnert sehr an die Berufung des Propheten Ezechiel.

Eine Adventsgeschichte zur zweiten Adventswoche…! Unwahrscheinlich genug. Was kann sie uns sagen?

Wissen Sie, ich habe den Vers der letzten Woche noch im Ohr, aus Jesu Gespräch mit der Samariterin. Die ‚wahren Anbeter‘ werden den Herrn „im Geist und in der Wahrheit“ anbeten, nicht in Liturgie, festgelegter Routine und institutionalisierter Rollenverteilung. Als er den Tempel betritt, ist Zacharias fester Teil der überkommenen Anbetungsmaschine. Nach einem bestimmten Schema ist seine ‚Ordnung‘ an der Reihe, eine Teilmenge der Priesterschaft, und innerhalb dieser Ordnung trifft es per Losentscheid ihn, das Rauchopfer zu vollziehen. Das ist, was unser Vers beschreibt. Opfer ist Kommunikation mit Gott. Aber dann vollzieht die Kommunikation sich unvermittelt ganz anders — direkt, ausserhalb von Reihe und Regel, machtvoll und opferfrei. Alles ändert sich. Der Tempelpriester verstummt. Seinen Dienst kann er nicht mehr tun, vielleicht nie wieder. Aber er wird Vater, Vater eines großen Propheten. 

Advent. Unser Weltwissen gilt nicht mehr. Und unsere Routinen laufen leer. Mit extremen Szenarien können wir nicht umgehen. wir sind darauf angewiesen, dass die Welt heute ungefähr so ist wie gestern, als wir eingeschlafen sind. Deshalb Plätzchen, betriebliche Weihnachtsfeiern, Adventslieder, Nikolaus und Weihnachtsgeld. Wir wollen die Welt so. Aber Gott und die Welt können auch ganz anders.

Alles ändert sich… Im Geist und in der Wahrheit mag das geschehen. Darf ich darum bitten, dass der Herr mit uns rede wie mit Zacharias? Dass alles sich ändert? Oder wollen wir es so direkt dann lieber doch nicht…? 

Unsere Woche sei gesegnet, 
Ulf von Kalckreuth


Nachtrag: Mit zwei Wochen Abstand sehe ich noch einen anderen Aspekt in Zacharias‘ Erschrecken. Er und seine Frau werden als „hochbetagt“ bezeichnet. Ich selbst bin 62 — vielleicht war er so alt wie ich? Meine Töchter werden gerade erwachsen. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn jemand mir eröffnete, dass ich demnächst wieder Vater würde. Biologisch kein Ding der Unmöglichkeit. Aber ich wäre über achtzig, wenn auch dieser Sohn erwachsen würde, und schon jetzt ist alles so schwierig… Armer Zacharias!
Ulf von Kalckreuth, 20.12.2025

Bibelvers der Woche 49/2025

Die Samariterin und der Brunnen -- als Quell von Geist und Wahrheit Gottes

Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.
Joh 4,24

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Geist und Wahrheit

Jesus ist auf der Durchreise, von Judäa in sein Heimatland Galiläa im Norden. Dabei durchquert er Samarien, das Herzland des alten Nordstaats Israel. Dieser Staat wurde vor Zeiten zerstört, die Einwohner großenteils verschleppt. Aber immer noch wird in Samarien Gott der Herr angebetet. Für die Juden ist der Kult der Samariter auf dem Berg Garizim illegitim. Nur der Tempel in Jerusalem ist Anbetungs- und Opferstätte. Siehe hierzu den BdW 14/2021

Am Brunnen trifft Jesus auf eine samaritische Frau. Sie sind allein, die Jünger sind ins Dorf gegangen, Brot zu holen. Sie reden. 

Die Frau spricht an, dass die Juden Glauben und Anbetung der Samariter nicht für rechtens halten. Nicht, etwa, weil Jesus das nicht wüsste, sondern weil es zwischen ihnen steht, mehr noch als der Umstand, dass er Mann ist und sie Frau.

Jesus antwortet: ja, so ist es. Das Heil wird von den Juden kommen, sie kennen Gott, und die Samariter nicht. Aber es kommt die Zeit und sie ist schon da, sagt er, dass die Samariter weder auf dem Garizim noch in Jerusalem den Herrn anbeten werden. Die wahren Anbeter nämlich werden Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten. Und das wird wiederholt, in unserem Vers, weil es so wichtig ist: Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.  

Jesus hält dabei die Schrift hoch, die den Kult der Samariter verdammt. Zwischen den Zeilen sagt er aber, dass auch Samariter wahre Anbeter sein können und sein werden. Der institutionalisierte Opferkult der Juden in Jerusalem ist nicht wahre Anbetung. Wahre Anbetung vollzieht sich im Geist und in der Wahrheit. 

Der Satz ist schön. Ich habe aber Mühe damit, denn ich weiss nicht genau, was er bedeutet. Der Kontext macht deutlich, dass wahre Anbetung nicht an einem bestimmten Ort und durch bestimmte, dazu ausgebildete und legitimierte Personen nach festen Regeln vollzogen wird. Gott ist Geist, und der Geist ist überall. Was aber bedeutet es positiv? 

In der Wahrheit anbeten, im Geist anbeten… Aus unserem Geist heraus, aus unserer Wahrheit? Es gibt acht Milliarden mal den menschlichen Geist und acht Milliarden Wahrheiten, die sich ständig ändern. Die eine Wahrheit, den einen Geist gibt es nur in Gott. Jesus meint, dass wir Gott aus Gottes Geist heraus anbeten sollen. Dazu muß er in uns sein, dazu muß er in uns wirken.  

Wie geht das? Ich bin Lobpreismusiker, und eigentlich sollte ich es ganz genau wissen… In dieser Woche habe ich es immer wieder versucht — Gott aus Gottes Geist heraus anzubeten. Was ich dann finde, ist vor allem mein eigener Geist, meine unerfüllten Bedürfnisse und mein Versagen.

Aber ich habe doch etwas entdeckt. Als ihn seine Jünger bitten, sie das Beten zu lehren, gibt ihnen Jesus das Vaterunser. Gehen Sie es im Kopf einmal durch. Die ersten drei Bitten nach der Anrufung beschreiben Gottes vollkommene Präsenz in der Welt: „Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe“. Man kann das in sich selbst nachvollziehen, ganz langsam. Erst dann wechselt die Perspektive hin zum Betenden und das Gebet kulminiert in der Bitte, dass die Verbindung zu Gott erhalten bleiben möge, trotz aller Sünde, durch Vergebung und Erlösung. Am Ende kehrt das Gebet zurück zu Gott: „Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Amen“

Das hilft sehr. Vielleicht ist der Vers eine Aufforderung, sich ins Unsagbare vorzutasten und eigene Wege zu finden. Wenn es den einen, allgemeinen Weg gäbe, hätten wir eine Liturgie, und die soll es ja nicht sein.

Im Geist und in der Wahrheit. Jesu Gespräch mit der Frau am Brunnen steht jenseits von Zeit und Raum. Ich wünsche uns in dieser Woche Berührung: unserer Wahrheit mit Gottes Wahrheit, unseres Geistes mit Gottes Geist. Was wird dann geschehen? 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 48/2025

Transzendenz

Und sie kamen nahe zum Flecken, da sie hineingingen; und er stellte sich, als wollte er weiter gehen.
Lk 24,28 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Diese Welt und jene…

Am Morgen des dritten Tags nach Jesu Tod ist sein Grab leer, und er zeigt sich Menschen, die er gut kennt. Nicht als Gespenst, sondern als lebender Mensch. Das ist durchaus nicht einfach für die, die ihn sehen.

Maria Magdalena ist die erste, und sie erkennt ihren geliebten Meister nicht. Wie es ihr schließlich doch gelingt, ist eine berührende Erzählung. Siehe den BdW 47/2024 vor fast genau einem Jahr.

Im Vers dieser Woche sind es zwei Männer, Jünger, nicht aus der Kerngruppe der Zwölf. Sie sind unterwegs nach Emmaus, rund 12 km von Jerusalem entfernt. Sie diskutieren: Der Meister ist tot. War er der Messias? Wo ist sein Leichnam? Ist Maria Magdalena verrückt? Wie geht es weiter? Da gesellt sich ein Mann zu ihnen. Er versteht nicht, wovon sie sprechen, und sie klären ihn auf. Dann aber weiß er erstaunlich gut, wie alles zusammenhängt und aus den Schriften zu interpretieren sei. Ein reges Gespräch entwickelt sich. Als sie nach Emmaus kommen, stellt sich der Mann, als wolle er weiter gehen. So heißt es im Vers, und der Wortlaut impliziert, dass der Erzähler es besser weiß. Die Jünger nötigen den Fremden, in Emmaus zu übernachten. „Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ Beim Abendmahl nimmt er das Brot, bricht es und reicht es den beiden. Da erst erkennen sie Jesus. 

Ich lese die Geschichte in zweifacher Weise. Auf der tatsächlichen Ebene beschreibt sie eine ‚kognitive Dissonanz‘. Um Jesus zu erkennen, hätten die Jünger eine Wahrnehmung akzeptieren müssen, die einen offenen Widerspruch zu den bekannten Tatsachen bedeutet. Jesus war tot, sie hatten es selbst gesehen, also kann er nicht neben ihnen gehen. Unsere Sinneseindrücke verarbeiten wir zu bewußten „Wahrnehmungen“ unter Hinzunahme all dessen, was wir über die Welt wissen. Unmögliches wahrzunehmen, ist uns (fast) unmöglich. 

Es geht aber auch um Transzendenz. Transzendenz birgt das Unmögliche in sich. Der Kern von Jesu Botschaft ist das Reich Gottes. Jesus hat es nie abstrakt beschrieben, immer nur in Bildern. Es naht, es ist nicht manifest, es ist aber in uns und um uns, wie ein Korn, das mit seinen Möglichkeiten in dieser Welt IST. Eine Parallelwelt, würde ich es nennen. Alles was hier geschieht, hat Bedeutung dort, und umgekehrt. Die Welten berühren sich in Jesus und in seiner Gegenwart. 

Und nun berühren sie sich vor den Augen der beiden Jünger — und sie sehen es nicht. Materielle Identität ist auch unerheblich. Von Bedeutung ist die Einheit in Christus, und dafür steht das Abendmahl, das ihnen schließlich die Augen öffnet. 

Unser Vers steht für die Gleichzeitigkeit der beiden Welten. In ihrer bewußten Wahrnehmung ist der Mann für die Jünger ein Fremder. Was sie aber tun, entspricht dem, was im Reich Gottes richtig und angemessen ist. Als der Mann gehen will, lassen sie ihr Heil nicht los, sie zwingen ihn geradezu, bei ihnen zu nächtigen. Ohne es zu wissen, sind die Jünger in beiden Welten zugleich unterwegs. Die Geschichte sagt, dass das nicht leicht ist, und auch, dass man die Gleichzeitigkeit in sich zulassen muss. 

Morgen ist Ewigkeitssonntag. Wir sind auf dem Weg in meine Heimatstadt und ich werde im Gottesdienst meines verstorbenen Vaters gedenken. Am kommenden Sonntag ist erster Advent, und ich darf den Gottesdienst mitgestalten: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe…“ Ich wünsche uns eine gesegnete Woche, in beiden Welten zugleich!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 47/2025

Und wenn es kommt, dass ich Wolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken.
Gen 9,14 

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984. 

Over the rainbow

Eine der bekanntesten und strahlendsten Stellen in der ganzen Bibel. Die Sintflut ist vorbei, die Wasser laufen ab, Noah und seine Familie sind gerettet, gemeinsam mit einem minimalen Bestand an Pflanzen und Tieren, Grundstock für den Wiederaufbau der Biosphäre. 

Und Gott schwört, dass er die Grundlagen des Lebens auf der Erde nicht wieder antasten will. Unter keinen Umständen. Er könnte es tun, aber er beschränkt seine Macht selbst: 

Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. Gen 9, 12-15

Das ist gute Nachricht. Wir können sie an zwei Bruchkanten betrachten. Da ist zum einen Gottes Macht, die Welt zu vernichten. Die Sintflutgeschichte hat lokale Vorbilder, aber eine große, weltumspannende Flut hat es in der Geschichte nicht gegeben. Planetare Katastrophen gab es jedoch mehrere. Solare Eruptionen, Supernovas in der stellaren Nachbarschaft, sich aufschaukelnde Bahnunregelmäßigkeiten im Sonnensystem oder der Einschlag eines Kometen können dem höheren Leben auf unserem Planeten ein abruptes Ende setzen. Langfristig gibt es diesbezüglich nicht einmal Unsicherheit. Das Ende unserer Welt ist physikalisch vorprogrammiert. Die Sonne verändert sich im Laufe der Jahrmillionen in einer Weise, die Leben auf der Erde unmöglich macht. 

Aber ‚for the time being‘, für den relevanten Zeithorizont, müssen wir uns keine Sorgen machen, sagt die Bibel. Gott wird die Welt erhalten! 

Aber wovor schützt uns Gott? Auch vor uns selbst? Was ist mit der anderen Bruchkante — unserem eigenen Verhalten? Wir verstehen die Vorgänge rund um die Dynamik des Klimawandels und der ökologischen Folgen wirtschaftlichen Handelns immer besser. Aber die Emissionen wachsen ungebremst weiter. Im Aggregat verhalten wir uns wie die Bakterien im Teich, die so lange von den organischen Schwebstoffen prächtig leben und sich vermehren, bis der Sauerstoffvorrat vollständig aufgebraucht ist. Ein deterministischer, mechanisch anmutender Vorgang. Am Ende steht ein umgekippter Teich. Alles ist tot, auch die Bakterien.

Was ist das für eine Mechanik? Jeder kennt die Wirkung der Klimagase, aber die Folgen treffen nur zu einem verschwindend kleinen Teil den Verursacher selbst. Im wesentlichen trifft es andere. Ökonomen bezeichnen das als Externalität. Warum auf etwas verzichten, das man haben könnte — die anderen tun es ja auch nicht! Die Kohlenstoffwirtschaft macht die Produktion billig und uns künstlich reich. Auf dieser Erkenntnis aufbauend kann man ethisch wohlbegründete Forderungen aufstellen. Aber was tun wir, wenn das Wachstum erlischt, die Reallöhne sinken müssten statt zu steigen, die Renten unbezahlbar werden, etablierte Parteien plötzlich mit neuen und radikalen Konkurrenten zu kämpfen haben? — na? Keine Frage. Und alle anderen machen es genauso.

Eine Höllenmaschine. Sie hat die unbarmherzige Kraft einer Naturgewalt — in uns selbst! Individuelle Rationalität ist irrational im Kollektiv. Denken Sie an die Bakterien im Teich. Wenn Gott uns davor schützen wollte, müsste er uns etwas von seinem Geist geben. Wir könnten uns dann als Teil eines Ganzen erleben, das größer ist und wichtiger als unser Ich. Ich weiß keinen Weg dahin, aber vielleicht kennt Gott ihn? 

Unser Vers enthält ein ungeheures Bild. Gott stellt den Regenbogen in die Welt, als Zeichen seines Versprechens und um sich selbst daran zu erinnern, dass er verzichten will auf Dinge, die er tun könnte und vielleicht auch tun wollte. 

Over the rainbow… Können wir solidarisch sein mit der Welt? Uns beschränken? Was ist unser Regenbogen? Lassen Sie uns in dieser Woche einen Blick darauf wagen, und vielleicht auch einen dahinter, mit Gottes Hilfe. Eine andere sehe ich nicht.  
Ulf von Kalckreuth