Das Buch der Bücher: eine Fahrt ins Blaue

Ich begrüße Sie auf dem Blog für das Buch der Bücher. Bald ist wieder Buchmesse in Frankfurt, von 15. – 19. Oktober 2025. Eine große Industrie feiert sich, das organisierte Wissen der Welt, Kultur, Meinung, Unterhaltung, Selbstdarstellung. Und wie schon in den vergangenen Jahren wird der „Bibelvers der Woche“ als akkreditierter Blog dabei sein. Zu Recht! Denn wie begann alles?

Ein revolutionäres Werk trifft auf eine revolutionäre Technik. Martin Luther hatte die Bibel, das spirituelle Herz und kulturelle Codebook der westlichen Welt, sprachlich für jedermann verfügbar gemacht. Und mit einer genialen Erfindung, dem Buchdruck mit beweglichen Lettern, ermöglichte es Johannes Gutenberg, dass dieses Werk zu einem Bruchteil seines früheren Preises den Massen auch ökonomisch zugänglich wurde. Damit änderten die beiden — alles.

Die Welt des Buchs allemal. Nach Angaben des Deutschen Bibelwerks ist die Bibel heute vollständig in 733 Sprachen übersetzt, Teile davon gar in 3610 Sprachen. Die Gesamtauflage liegt laut Statista bei bis zu drei Milliarden Exemplaren. Damit ist sie das mit Abstand meistverkaufte Buch der Welt. Und sie ist Mutter einer ganzen Industrie, vieler Tausend religiöser Verlage, christlich und jüdisch, mit Hunderttausenden von Titeln, die sich alle auf dieses Werk beziehen.

Dieser Blog wählt einen Zugang, der nicht makroskopisch ist, sondern mikroskopisch. Jede Woche wird ein einzelner Vers gezogen, in seinen Zusammenhang gestellt, beleuchtet und darauf abgeklopft, was er sagt — heute sagt. Nach und nach, Woche für Woche, Ziehung für Ziehung, entsteht hierbei ein im Wortsinne empirisches Bild der Bibel, das man sich durch ein geschlossenes Werk nicht holen kann. Es ist eine echte Fahrt ins Blaue.

Fahren Sie mit!

Bibelvers der Woche 35/2025

Der ganzen Gemeinde sei eine Satzung, euch sowohl als den Fremdlingen; eine ewige Satzung soll das sein euren Nachkommen, dass vor dem HErrn der Fremdling sei wie ihr.
Num 15,15

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Perfekte Nicht-Diskriminierung

Ein erstaunlicher Vers. In dem Abschnitt geht es eigentlich um ein Detail im Opferritus — wer ein Brandopfer bringt, soll dazu eine bestimmte Menge feines Mehl und Öl geben, abgestuft nach der Größe des Opfertiers. Das Opferfleisch diente zu großen Teilen der Ernährung der Priester, und da waren Mehl und Öl auch wichtig.

Diese Regel, so heißt es, gilt für einheimische Israeliten. Wenn aber ein Fremder bei ihnen wohnt und dem Herrn opfern will, so soll auch er es so halten. Das mag noch fiskalisch motiviert sein, auch die Fremdlinge sollen Mehl und Öl geben. Schließlich folgt ein dritter Schritt, völlig losgelöst vom Opfer: es soll überhaupt nicht unterschieden werden zwischen Einheimischen und Fremden. Das ist unser Vers. Ein perfektes Diskriminierungsverbot: alle Regeln gelten gleichermaßen für alle. Das wird mit einer Emphase ausgesprochen, die sich kaum steigern lässt. Oft geht das erste Testament so vom Konkreten zum Abstrakten. Hier ist der ganze Absatz (Vers 13-16):

Wer ein Einheimischer ist, der soll es so halten, wenn er dem HERRN opfern will ein Feueropfer zum lieblichen Geruch. Und wenn ein Fremdling bei euch wohnt oder unter euch bei euren Nachkommen lebt und will dem HERRN ein Feueropfer zum lieblichen Geruch darbringen, so soll er es halten wie ihr. Für die ganze Gemeinde gelte nur eine Satzung, für euch wie auch für die Fremdlinge. Eine ewige Satzung soll das sein für eure Nachkommen, dass vor dem HERRN der Fremdling sei wie ihr. Einerlei Gesetz, einerlei Recht soll gelten für euch und für den Fremdling, der bei euch wohnt.

Ich bin überrascht — diese Bestimmung kannte ich nicht. Im ersten Testament wird oft genug recht deutlich unterschieden zwischen Israeliten und Fremden. So dürfen Hebräer unter Volksgenossen keine Sklaven nehmen, unter Nicht-Israeliten sehr wohl. Und es gibt strenge Regeln hinsichtlich Heirat und Erbe. 

Man muß den Vers zweimal lesen. Perfekte Nicht-Diskriminierung, ohne jede Ausnahme. Wie gut passt das zu Israel heute, wie gut zu seiner von religiös-orthodoxen Parteien energetisierten Politik hinsichtlich der Palästinenser in Gaza und im Westjordanland? Heute, am Mittwoch, den 20.08.2025 lese ich auf Seite 1 meiner Zeitung, dass vom israelischen Parlament der Bau einer großen Siedlung genehmigt wurde, die das Westjordanland in zwei Hälften zerschneiden wird. Außerdem ist die militärische Eroberung von Gaza-Stadt beschlossen. 60.000 Reservisten werden dafür neu eingezogen, der Dienst von 20.000 Reservisten wird verlängert. 

Und die Christen, z.B. in den USA und Europa?

…eine ewige Satzung soll das sein euren Nachkommen, dass vor dem HErrn der Fremdling sei wie ihr.

Da klingt eine Melodie auf, wie Frieden und Gerechtigkeit. Nicht leise, sondern laut. Das Gebot bindet auch Fremdlinge, für sie gibt es ebensowenig Sonderrechte wie für Einheimische. Wie steht es damit bei uns? 

Das Wort ‚Fremdling‘ gilt hierzulande heute als politisch inkorrekt, ebenso wie ‚Flüchtling‘. Warum eigentlich? Es könnte abwertend sein, wird gesagt. Interessant. Und auch sehr bequem — wie lässt sich Diskriminierung feststellen, wenn Unterschiede sprachlich nicht zugelassen sind? So segne uns Gott und behüte uns. Und den Fremdling, der bei uns wohnt.
Ulf von Kalckreuth 

P.S. Auf meine Frage bekam ich schnell eine Antwort, gleich am Tag danach. Derzeit findet im Frankfurter Grüneburgpark das ‚System Change Camp‘ statt, wo sich zehn Tage lang rund 1000 linksdrehende, meist junge Menschen aus ganz Deutschland treffen, die die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Jeden Tag fahre ich zweimal vorbei, und manchmal gucke ich auch herein. Es ist eine für mich recht weit entfernte, exotische Welt, aber ich will sehen und lernen. Fremde nennt man im Aktivistencamp ‚migrantisch gelesene Personen‘. Der Sprechende erlaubt sich dabei kein Urteil, ob die so angesprochene Person zugewandert ist oder nicht, es wird statt dessen festgestellt, dass sie als Migrant oder Migrantin wahrgenommen wird — noch genauer: sie wird so ‚gelesen‘. Beim Lesen wird die Wahrnehmung aktiv vom Betrachter selbst erzeugt, geht also nicht vom Betrachteten aus. 

Echt jetzt? Bleibt zu hoffen, dass die als migrantisch gelesenen Personen verstehen, wenn über sie gesprochen wird. Wie schön ist da die klare Sprache der Bibel!

Bibelvers der Woche 34/2025

Psalm 139, 19-22. Ulf von kalckreuth mit Dell-E, 15. August 2025

Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache.
Ps 139,20

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Gottes Feinde und meine Feinde

Wir haben eine Doublette: der selbe Vers wurde vor knapp zweienhalb Jahren schon einmal gezogen, als Bibelvers der Woche 12/2023. Und es ist nicht die erste. Vor zwei Jahren wurde als BdW 29/2023 ein Vers gezogen, der schon früher in Erscheinung getreten war — hier ist meine Betrachtung dazu. Wie damals schon gesagt: Doubletten sind nichts überraschendes. Wir haben im Lauf der Jahre 440 Bibelverse gezogen, das sind nun bereits 1,37% der Verse im Gesamtbestand der Bibel, und ebenso hoch liegt nun auch die Wahrscheinlichkeit, einen Vers erneut zu ziehen. Und das Woche für Woche, 52 Mal im Jahr. Mit zunehmender Zeit und Zahl der Ziehungen werden Doubletten immer wahrscheinlicher.  

Seinerzeit, vor zweieinhalb Jahren, stellte ich fest, dass ich der ersten Betrachtung eigentlich nichts hinzufügen konnte. Ich plante dann, die umfangreiche Ziehung mit den Betrachtungen nun endlich auszuwerten, aus der großen Ziehung ein Gesamtbild der Bibel zu erarbeiten. Im Anschluß hatte ich dazu aber weder die Zeit noch die Kraft. Ein Versuch, die Betrachtungen oder Teile davon in ein Buch zu fassen, scheiterte vorläufig. Statt dessen zog ich weiter. Der „Bibelvers der Woche “ hat eine Dynamik, die ich selbst nicht wirklich kontrolliere.

Im gezogenen Vers stellt der Betende fest, das die Feinde Gottes seine eigenen Feinde geworden sind, er „hasst sie mit ganzem Ernst“. Was kann ich meiner Betrachtung dazu hinzufügen? Vielleicht dies, im Anschluß an den Vers der vergangenen Woche: Der Umgang mit den Feinden — was auch immer es ist, das wir als feindlich erleben — ist für unser Leben ebenso prägend wie der Umgang mit Versagen und Schuld. Sind wir dabei auf die Zukunft bezogen, die wir uns wünschen? Oder auf die Vergangenheit, die wir fürchten? Wenn wir an das denken, was uns bedroht, können wir dabei gleichzeitig an Gott denken, der uns liebt? 

Der Name „Satan“ bedeutet auf Hebräisch „Verwirrer“ oder „Ankläger“. Ich liebe das Lied „Nun bitten wir den Heiligen Geist“. Es endet mit den Worten: Du höchster Tröster in aller Not: Hilf, daß wir nicht fürchten Schand noch Tod, daß in uns die Sinne nicht verzagen, wenn der Feind wird das Leben verklagen. Kyrieleis!

So sei es. 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 33/2025

An deren Statt ließ der König Rehabeam eherne Schilde machen und befahl sie den Obersten der Trabanten, die an der Tür des Königshauses hüteten.
2 Chr 12,10

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Nicht vergessen!

Wir versagen. Bringen andere Menschen ins Unglück und uns selbst. Erfüllen Erwartungen nicht, die man zurecht an uns stellt. Sind manchmal böswillig, oder wenigstens nicht gutwillig, und lassen geschehen, was sich verhindern ließe. Sehen nicht, worauf es jetzt und heute wirklich ankommt, passen unsere Prioritäten nicht an, bleiben faul in den Verhaltensmustern, die wir uns irgendwann antrainiert haben. Wir sind Menschen. Wir verhalten uns falsch, wieder und immer wieder. 

Aber wie gehen wir damit um? 

Ein Vater hat einen Hang zum Jähzorn, und wenn ein Streit mit seinem halbwüchsigen Sohn eskaliert, kann er handgreiflich werden. Eines Tages geschieht es. Er gibt seinem Sohn eine Ohrfeige, und der Schlag fällt heftig aus, trifft Mund und Kinn. Der Junge stürzt. Dabei verletzt er sich weiter am Kopf. Er liegt am Boden. Auf Betreiben des Jugendamts wird dem Vater das Sorgerecht entzogen. Sein Sohn kommt in ein Heim. Im Mittelpunkt des Verfahrens steht ein Foto: sein Sohn, Auge und Nase ist geschwollen, die Lippen bluten. 

Achtung, Täterperspektive: Wie geht der Vater damit um?

König Rehabeam war als Hüter seines Volks und von Gottes Tempel bestellt. Seine verblendete Maßlosigkeit macht, dass das Großreich Israel auseinander bricht und sich zehn der zwölf Stämme von ihm abwenden. Dann lässt er sich auf einen Krieg mit Schischak ein, dem mächtigen Pharao in Ägypten. Dieser zieht mit seiner gewaltigen Streitmacht nach Jerusalem, nimmt es ein und macht Rehabeam zum tributpflichtigen Vasallen. Alle Schätze des Königshauses muss er abliefern, und alle Schätze des Tempels. Darunter auch die goldenen Schilde, die sein Vater Salomo für den Tempel hat fertigen lassen. 

Wie geht der König damit um? 

Er lässt sich gleichartige Schilde aus Kupfer oder Bronze anfertigen und weist seine Palastwache an, ihm diese Schilde zu zeigen, wann immer er den Tempel besucht, jedes Mal. Das hast du getan! Nicht vergessen! 

Das ist mehr als aussergewöhnlich. Fast immer verdrängen und vergessen wir ja. Es ist so, als ob der Vater im Gleichnis oben das Foto mit dem blutenden Gesicht seines Sohns auf seinen Schreibtisch stellte, so dass sein Blick und auch der anderer Menschen in seiner Nähe immer wieder darauf fallen muss. Das hast du getan! Nicht vergessen!  

Es ist nicht gleichgültig, wie wir umgehen mit unseren Verfehlungen, auch für die nicht, die darunter leiden. Wird der Vater jemals wieder zuschlagen, der dies Foto seines Sohnes auf dem Schreibtisch stehen hat?

In der biblischen Geschichte ist Gott gnädig mit Rehabeam. Der König kann weiter regieren und das Reich erholt sich. Gott helfe uns im Versagen. Und — wichtig! — er helfe uns zum rechten Umgang damit. In allem brauchen wir seinen Segen
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 32/2025

…wie der Mond soll er ewiglich erhalten sein, und gleich wie der Zeuge in den Wolken gewiss sein.” (Sela.)
Ps 89,38

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Glaube und Zweifel und Glaube

Wie der Mond, der stets aufs neue wiederkehrt, und in seinen Formen so verlässlich sich wandelt, dass die Hebräer ihren Kalender darauf stützen können. So verlässlich wie dieser Mond, der treue Zeuge in den Wolken, ist die Treue des Herrn zu König David und seinen Nachfolgern. Mit den Worten unseres Verses endet der erste Teil von Psalm 89, ein anrührender Lobpreis der Treue Gottes zu seinem Volk und den von Gott eingesetzten Königen.  Das Wort „Sela“ beschließt den Abschnitt.

Dann, unmittelbar anschließend, kommt der große Bruch: „Aber nun hast du verstoßen und verworfen, und zürnst mit deinem Gesalbten“. In der Gegenwart des Betenden ist die Treue Gottes ganz und gar abwesend — und wenn Treue Konstanz über die Zeit impliziert, ist sie aufgehoben, hat im Grunde nie bestanden. Die Treue Gottes ist unverbrüchlich und ewig — und nun ist sie aufgehoben und nichtig? Das ist eine Antinomie, ein Widerspruch, und er wird im Psalm nicht aufgelöst. Beide Aussagen stehen nebeneinander, gleichermaßen gültig, als Klage.

Sonnenfinsternis über Jerusalemf

Der Mond verfinstert die Sonne. Die Situation, in welcher der Betende sich an Gott wendet, ist katastrophal, und die Aspekte der Katastrophe werden genannt. Vermutlich ist der Psalm im babylonischen Exil entstanden oder noch zuvor, im Zusammenbruch des judäischen Reichs. Der Psalm ist blankes Unverständnis, aber gleichzeitig Ausdruck eines Glaubens der besonderen Art. Das Vertrauen in das Heilsversprechen Gottes besteht weiter, obwohl die Erfahrung unüberhörbar eine andere Sprache spricht — auf der Waage des Psalms sind die beiden Teile im Gleichgewicht. 

Und dann kommt dieses lakonische, heroische, rührende Ende: „Gelobt sei der HERR ewiglich! Amen! Amen!“ Der Sänger lobt Gott im Angesicht dieses Widerspruchs, ohne zu verstehen, ohne weiterhin Verständnis zu verlangen. Da ist eine Dialektik: Glaube — Zweifel — Glaube einer übergeordneten und reinen Art, der sich löst von der Empirie und selbst Voraussetzung wird. Sehr hart an der Grenze zur Widersinnigkeit. So mögen es die Babylonier empfunden haben, als sie sahen, wie die unterworfenen Judäer an ihrem Gott festhielten. Und so hat die Verbindung mit JHWH den Zeitenbruch überstanden.

Ein Glaubensbekenntnis sehr eigener Art. Wie ist es entstanden — aus einem Guss? Ist der erste Teil vielleicht älter? Hat jemand seine Klage im Angesicht der Katastrophe daneben gestellt, hat dann er oder jemand drittes die beiden Teile mit dem alles duldenden Schlussvers zueinander gefügt?

Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche, in Glaube und Zweifel und Glaube,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 31/2025

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Denn sie hat viele verwundet und gefällt, und sind allerlei Mächtige von ihr erwürgt.
Spr. 7,26

Wie ein Hirsch, der ins Netz rennt…

Von wem ist die Rede? Boa Constrictor? Eine Amazone gerüstet zum Kampf? Nein, es ist die Hure. Keine bestimmte, sondern die Hure an sich, als abstrakte Größe. 

Das Kapitel, aus dem wir gezogen haben, enthält eine drastische Warnung vor Unzucht. Sie ist personifiziert durch eine Hure. Diese zieht wie ein Vampir durch die Stadt, hin und her, und sucht junge Männer, um sie in ihr Verderben zu ziehen. Das wird im Einzelnen beschrieben, mit fiktiven Dialogen, sehr eindrücklich und lebhaft. Die Beschreibung selbst entspringt wohl eher der Fantasie des Autors, und die Perspektive der Frau ist nicht gendergerecht berücksichtigt… Ich hatte schon einmal Gelegenheit, über das Kapitel zu schreiben — hier ist der Link zum Bibelvers der Woche 17/2018.

Ich bin gerade sehr eingeschränkt. Ich sitze auf einem Campingplatz auf Sizilien, bei fast 40°C im Schatten. Nichts und niemand bewegt sich hier. Ich habe keine gedruckte Bibel, nur mein Handy. Für die Zufallsziehung muss ich die App eines anderen Bibel-Afficionados benutzen: https://gratia-mira.ch/j3/. Normalerweise hätte ich diese Webform nicht angefasst, weil ich nicht weiß, was der Kollege im Einzelnen tut, und auf welcher Textgrundlage er zieht. Ich folge sonst sehr exakt meinem eigenen Protokoll. Es gibt eine Datei, die für jeden Vers der Bibel eine Zeile der Lutherbibel 2012 hat, und ich ziehe zufällig eine ganze Zahl zwischen 1 und 31.173, der Anzahl der Verse. Jede Zahl hat die selbe Ziehungswahrscheinlichkeit. Die gezogene Zahl gibt mir die Zeile, und die Zeile den Vers. Heute ist es eben anders. Die Alternative wäre gewesen, gar nicht zu ziehen.

Ich will folgendes tun. Schauen Sie sich den Text des Kapitels in Ruhe selbst an, er ist weder lang noch langweilig. Folgen Sie dem unverständigen Jüngling auf seinem Weg in die Fänge der Venusfalle, natürlich nur in der Betrachtung. Unser Vers ist so etwas wie die Zusammenfassung.

Hier ist der Link

Und wenn Sie möchten, können Sie sich beim Lesen Fragen stellen. An der Oberfläche spricht der Text von orientalischen Huren. Aber wenn man ihn ernst nimmt, geht es um entfremdete und instrumentalisierte Sexualität. Der Mann unterwirft seinen Willen dem der lockenden Frau und geht in sein Verderben, „wie ein Stier zur Schlachtbank geführt wird.“ Wovon würde das heute handeln? Nur von Prostitution? Welche Rolle spielen Pornographie, Social Media, sexualisierte Musikvideos? Was ist mit Werbung, die Sexualität mit Produkten der verschiedensten Art verbindet und den Betrachter zum willigen Käufer machen wollen, “wie ein Vogel zur Schlinge eilt und weiß nicht, dass es das Leben gilt”? Vor einigen Wochen war ganz Frankfurt zugepflastert mit Bildern von Heidi Klum und ihrer blutjungen Tochter Leni, die gemeinsam fast unbekleidet Werbung für Intimissimi machten, einem italienischen Label für Unterwäsche. Und Fremdgehen? Wie leicht können wir unser Leben und das Leben anderer beschädigen, „wie ein Hirsch, der ins Netz rennt, bis ihm der Pfeil die Leber spaltet.“

Wo sollten unsere Warnlampen leuchten? Ich wünsche uns allen eine gesegnete Woche, in Verbindung miteinander und mit unserem Herrn!
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 30/2025

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Schrecken, Grube und Strick kommt über dich, du Einwohner in Moab, spricht der HErr.
Jer 48,43

Untergang und…

Das klingt bitter. Zum besseren Verständnis ist hier die Fortsetzung:

Schrecken, Grube und Schlinge über dich, du Volk von Moab!, spricht der HERR. Wer dem Schrecken entflieht, der wird in die Grube fallen, und wer aus der Grube herauskommt, der wird in der Schlinge gefangen werden; denn ich will über Moab kommen lassen das Jahr seiner Heimsuchung, spricht der HERR. Erschöpft suchen die Entronnenen Zuflucht im Schatten von Heschbon; aber es wird ein Feuer aus Heschbon und eine Flamme aus dem Hause Sihon ausgehen, welche die Schläfe Moabs verzehren wird und den Scheitel der kriegerischen Leute.

Eine klare Ansage. Moab, Erzfeind Israels im Osten, soll zerstört werden. Israel selbst ist existenziell bedroht. Wie eine Dampfwalze überrollen die Truppen Nebukadnezars das ganze Gebiet. Neu-Babylon war wie Phönix aus der Asche des altbabyloniischen Reichs erstanden, das nurmehr eine Schattenexistenz im gewalttätigen Großreich der Assyrer geführt hatte. Nebukadnezar und seinem Vater Nabopolassar war es gelungen, nicht nur die Eigenständigkeit zurückzugewinnen, sondern das Reich der Assyrer zu zerstören und aus seinen Trümmern ein neues Großreich zu formen. Israels König will die Gelegenheit zu nutzen, seinerseits die Selbstständigkeit zurückzugewinnen, aber er interpretiert die Zeichen der Zeit falsch.

Ich reise gerade mit meiner Tochter durch Süditalien. Mit anderthalb Stunden Verspätung hat unser Zug Neapel verlassen, irgendwann werden wir hoffentlich in Messina ankommen. Für unseren Bibelvers der Woche habe ich nur das Handy, noch nicht einmal eine gedruckte Bibel. Aber ich schöpfe nicht aus dem Nichts. Aus diesem Abschnitt kam letztmalig der BdW 52/2023. Zum Kontext habe ich ausführlich in der KW 44/2018 geschrieben, und auch der BdW 14/2019 handelt von dieser Prophezeiung. Heute habe ich eine kleine Beobachtung, die ich gern mit Ihnen teilen möchte. Die Prophezeiung selbst ist hart wie Beton. So glaubt man es zu kennen, das Alte Testament, oft sind diese Urteile verbunden mit einer Erzählung darüber, wie sie sich bestätigen. Hier aber distanziert sich zunächst der Prophet selbst von seiner Prophezeiung. Mit viel Emotionen drückt Jeremia seine Trauer aus und bittet den Herrn um Gnade für den verhassten Feind. Der Intermediär bleibt nicht passiv, sondern geht aktiv um mit seiner Botschaft. Und dann, am Ende, kommt eine Relativierung vom Herrn selbst. Vollkommen unvermittelt endet das Kapitel mit den folgenden Worten (Vers 47):

Aber in der letzten Zeit will ich das Geschick Moabs wenden, spricht der HERR. Das sei gesagt von der Strafe über Moab.

Ist das ein Echo auf die Verzweiflung Jeremia? Oder sollen wir hier etwas über Gott, den Herrn lernen? Wache, bete und harre auf das Ende?

Wo ich dies schreibe, verlasse ich einen langen Tunnel. Ich wünsche uns eine gesegnete Woche unter dem Schutz des Herrn,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 29/2025

Aber den Namen Aarons sollst du schreiben auf den Stecken Levis. Denn je für ein Haupt ihrer Vaterhäuser soll ein Stecken sein.
Num 17,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Auftrag

Es ist ein Gottesurteil aus der Zeit der Wüstenwanderung und zunächst einmal geht es darum, welcher Stamm Gott besonders nahe stehen soll. Jeder Stamm der Israeliten gibt Mose einen Stab. Die Stäbe der Stämme werden vor die Stiftshütte gelegt. Am nächsten Morgen geht Mose hin und findet, dass der Stab des Stammes Levi ergrünt ist, blüht, und Mandeln trägt. Ein klares Zeichen Gottes.

Das Zeichen würde gut passen in den Kontext der Berufung der Leviten zum Dienst am Tempel, siehe den BdW 16/2025.  Aber in solch einem Kontext steht die Geschichte nicht, im Gegenteil. Vorher wurde nämlich erzählt, wie sich die Elite der Leviten auflehnt gegen den Anspruch Aarons, des Bruders Mose, das Priestertum allein zu verwalten, er und seine Söhne, so dass den Leviten nur die nichtpriesterlichen Dienste bleiben. Die Revolte einer Gruppe um Korach, eines levitischen Fürsten, wird von Gott persönlich niedergeschlagen, der Boden tut sich auf und verschlingt Korachs Gefolgsleute, die „Rotte Korachs“. Ein furchtbares Feuer tut ein Übriges. Als sich Unmut im ganzen Volk ausbreitet, beginnt eine Epidemie zu wüten, die nur der Eingriff Moses noch aufhalten kann. 

Die Kohaniter, die Nachkommen Aarons, sind Leviten. Aber sie sind besonders: Nur Kohaniter durften Priester und Hohepriester sein. Andere Leviten taten Dienst im Tempel, ohne aber Priester sein zu können. Wie die Frauen in der katholischen Kirche. Im BdW 34/2023 geht es um die Berufung von Leviten zu einem nicht-priesterlichen Dienst. Mit dem Wunder vom grünenden Stab soll die besondere Rolle Aarons und seiner Söhne abgesichert werden, sein Priestertum. Hier ist unser Vers absolut entscheidend — auf den Stab des Stammes Levi nämlich wird der Name Aarons geschrieben, seines obersten Repräsentanten. Der Stab wird daher Aaronsstab genannt, und man kann das Ergebnis so interpretieren, dass Gott das Priestertum Aarons bestätigt. Wenn aber der Stamm Levi mit dem Namen Aarons identifiziert wird —  wie lassen sich durch dieses Gottesurteil die Ansprüche der Leviten im allgemeinen und der Kohaniter im besonderen trennen? 

Ohne unseren Vers würde die Geschichte vom grünenden Stab eine komplett andere Botschaft überbringen! Wenn ich Theologe wäre, würde ich jetzt weiterfragen. Aber das bin ich nicht. Ich fahre in einem Regionalzug durch die Toskana, mit einem Interrail-Ticket in der Tasche, und bewege mich langsam auf Siena zu. Und wie ich nach draussen schaue, interessiert mich etwas anderes. Im Kontext des gezogenen Verses greift Gott selbst an mehreren Stellen massiv ein und tut seinen Willen kund. Im Leben ist das die Ausnahme. Wie äußert sich Berufung, was sind die Zeichen — gibt es welche? Und wenn jemand meint, die Zeichen lesen zu können, wie geht er damit um?

Blick aus dem Zugfenster, in der Toskana

Blick aus dem Zugfenster, in der Toskana

Berufungen haben etwas finales. Typischerweise gibt es nicht einmal Rente oder Pension. Einige Propheten, von denen das erste Testament berichtet, haben sich verzweifelt gegen ihre Berufung gewehrt, aus gutem Grund. Wer berufen wird, ist herausgenommen in ein Leben auf dem Präsentierteller, von der Umwelt ständig in Frage gestellt. Und es geschieht nicht oft, dass die Widersacher von der Erde verschluckt werden. 

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche unter dem Schutz des Herrn,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 28/2025

Ich achte es für billig, solange ich in dieser Hütte bin, euch zu erinnern und zu erwecken;…
2 Petr 1,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Bunt und spannend

Simon Petrus fühlt sein Ende nahen und vergleicht sein Leben mit einer Hütte, von der er weiss, das sie bald abgebrochen wird. Das schärft den Blick dafür, was wirklich wichtig ist. Es fordert eine persönliche Antwort. Und es könnte sein, dass es diese Antwort ist, an der wir gemessen werden. Die irdische Existenz als zeitweilige Behausung mit Verfallsdatum: dasselbe Bild verwendet auch Paulus in 2 Kor 5.

Ich habe diesen Vers verstanden, ohne einen einzigen Blick auf den Kontext werfen zu müssen. In diesem Sommer ist mein Vater gestorben. Das bedeutet mir sehr viel. Unter anderem gab es mir ein Bild: eine Klippe ist weggebrochen. Es gibt nun eine neue, vom Meer unterspült, auf der ich stehe. Was bleibt? Und was bleibt zu tun? 

Mein Vater war fast dreißig Jahre älter als ich — das entspricht der Hälfte des Lebens, das ich nun hinter mir habe. Dann lägen zwei Drittel hinter mit, ein Drittel stünde noch bevor. Aber Zeit ist relativ auf dem Lebensweg. Sie vergeht immer schneller. Ein Tag in meiner Jugend fühlt sich an wie drei Tage heute, und das gefühlte Tempo nimmt zu, — wie in ‚Circle Game‘ von Joni Mitchell. In zwanzig Jahren sind es vielleicht sechs? Gefühlte Zeit bemisst sich nach der Information, die man neu aufnimmt und verarbeitet, und die Fähigkeit dazu nimmt immer weiter ab. Ausserdem hat ein älterer Mensch vieles schon gesehen, was für einen jungen Menschen neu und faszinierend ist, ihn fesselt.  

Was also vor mir liegt, ist deutlich weniger als ein Drittel — vielleicht ein Zehntel noch? Unbedeutend jedenfalls im Vergleich zum Ganzen. Wertvoll zu wissen. Es liegen darin zwei unterschiedliche Erkenntnisse. Erstens: Was bleibt, ist kostbar, ich sollte es klug einsetzen. Zweitens aber darf ich endlich absehen von mir selbst. Mit diesem Zehntel ist es nicht mehr sehr wichtig, was mit mir geschieht, wenn es das denn jemals war. Ich kann die Augen öffnen und aufschauen. 

Was ist wichtig? Jedem stellt sich die Frage. Im gezogenen Vers erachtet Petrus es für angezeigt (billig), in der verbleibenden Zeit die Schwestern und Brüder zu erinnern und zu erwecken. Das ist die Antwort eines Apostels, gewiss nicht das, was jeder von uns antworten kann. 

Was ist meine Antwort? Ich kann sie noch nicht charakterisieren, aber ich sehe Umrisse. Es mag merkwürdig klingen, aber das Leben kann bunt und spannend sein mit dieser Perspektive. Am Samstag vor Pfingsten saß ich am Kaisersack in Frankfurt auf einem Klappstuhl und machte mit Gesang und Westerngitarre Lobpreismusik. Nur ein paar hundert Meter entfernt von meinem Arbeitsplatz. In der kommenden Woche beginne ich mit meiner jüngeren Tochter eine Interrail-Tour durch Italien, nach Sizilien und zurück. Durchaus fordernd in meinem Alter. Wichtig ist in beiden Fällen, dass ich hier und heute noch fast alle Möglichkeiten jüngerer Menschen habe und einige andere dazu — aber nicht mehr die Illusion, dass es immer so bliebe.

Was ist Ihre Antwort? Sie mag sich mit den Umständen wandeln, im fortgeschrittenen Alter eine andere sein als im hohen Alter. Gleichwie — der Blick auf die Hütte und die Klippe hilft bei der Orientierung. Er gibt die Perspektive vor: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, sagt Psalm 91.  

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche unter dem Schutz des Herrn,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 27/2025

Denn die, so irrigen Geist haben, werden Verstand annehmen, und die Schwätzer werden sich lehren lassen.
Jes 29,24

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Unsere Kinder sehen

Lesen Sie den Vers zweimal und atmen Sie tief ein und wieder aus: Die, so irrigen Geist haben, werden Verstand annehmen und die Schwätzer werden sich lehren lassen!

Das Buch Jesaja speist sich aus mindestens drei verschiedenen Quellen und unterlag einem Redaktionsprozess, der sich über viele Jahrhunderte hinzog. Aber in allen seinen Teilen ist es gekennzeichnet durch einen Wechsel von Gericht, Untergang und Errettung — ein Wechsel, der manchmal so schnell geschnitten ist, dass eine Art Gleichzeitigkeit entsteht: die drei werden eins. Unser Abschnitt entstammt den ältesten und ursprünglichsten Teilen. Er richtet sich an Jerusalem, von Jesaja hier „Ariel“ genannt. Ariel bedeutet „Löwe Gottes“, ist also eigentlich ein Kampfname. Aber schnell zeigt sich, dass Jesaja üblen Spott im Sinn hat: Der Held ist hohl und leer und bar aller Kraft und wird am Ende wahrhaftig zu „Ariel“ — das Wort kann nämlich auch Opferschale bedeuten (V.2).

Aber auch hier: wenn die Ränke und Ausflüchte versagt haben, wenn die Lage militärisch unhaltbar geworden ist und gleichzeitig alle inneren Strukturen zerbrechen, wenn die trübe Wahrheit offenkundig ist — dann wird Gott retten. Und die Rettung gipfelt in unserem Bibelvers. 

Spannend und ein wenig geheimnisvoll ist der unmittelbar vorangehende Vers: Geschehen wird dies alles, wenn wir — gemeinsam, als Volk Gottes — unsere Kinder betrachten, die Gott geschaffen hat als Werk seiner Hände, und wenn wir daraufhin seinen Namen heiligen und ihn fürchten. 

Ich habe manchmal Angst, was aus unseren Kindern wird, welche Chancen sie haben, und wie wichtig Menschen überhaupt noch sind in einer Welt, die verzahnt ist durch KI und nicht mehr durch Beziehungen lebender Menschen. Die uralte Vision Jesajas ist überraschend und zutiefst hoffnungsvoll: Wir betrachten unsere Kinder, sehen sie, erkennen sie als großartige Schöpfung Gottes, wir loben Gott und die Welt wird neu, klar und hell, durch uns, aber mit seiner Kraft. Und das Geschwätz verstummt! 

Es ist eine Frage der Perspektive. Was wir sehen, hängt davon ab, wie wir schauen. Aber wie geschieht, was uns Jesaja verspricht? Hat es mit den Kindern selbst zu tun? Was ändert es, wenn sie erfahren, dass sie Gottes großartiges Werk sind und von uns so gesehen werden?

Gern will ich meine Kinder so betrachten, in der kommenden Woche und immer. Auch wenn es nicht immer leicht ist.

Gottes Segen sei mit uns allen,
Ulf von Kalckreuth