Bibelvers der Woche 04/2023

Und alles Goldes Hebe, das sie dem HErrn hoben, war sechzehntausend und siebenhundertfünfzig Lot von den Hauptleuten über tausend und hundert.
Num 31,52

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 1984.

Finsternis möge mich decken…

Der gezogene Vers stammt aus einem der schrecklichsten und unerträglichsten Abschnitte der Bibel. In keiner Spruchsammlung gibt es Verse daraus, und im Religionsunterricht kommt die Geschichte nicht vor. In Woche 19/2019 hatten wir bereits einen Bibelvers zu der Geschichte, und ich lade Sie ein, einen Blick auf den dazugehörigen Kommentar zu werfen. Hier ist der Link. 

Kurz vor dem Ende der Wüstenwanderung der Israeliten befiehlt Gott einen Vernichtungsfeldzug gegen die Midianiter. Anlass waren Ausschweifungen sexueller Art von Angehörigen der beiden Völker sowie die Rolle Bileams, eines midianitischen Propheten, beim Versuch der Moabiter, den Vormarsch der Israeliten aufzuhalten. Die Midianiter sind Nomaden und leben in der Halbwüste. Der Feldzug bezweckt und erreicht die fast vollständigen Vernichtung dieses Volks. Die Israeliten töten zunächst nur die Männer. Auf Befehl Moses töten sie dann auch die erwachsenen Frauen sowie alle Knaben. Nur die jungfräuliche Mädchen werden verschont, ihre Zahl wird mit 32.000 angegeben. Die Größe des Volks, das überfallen und vernichtet wird, kann man daraus mit 250.000 bis 300.000 abschätzen. 

Hinsichtlich des Viehs und der gefangenen Mädchen gibt Moses auf Gottes Geheiß eine Verteilungsregel. Von allem soll die Hälfte an die Kämpfer, die andere Hälfte aber an das gesamte Volk gehen. Vom Anteil, der den Kämpfern zusteht, bekommt Gott selbst zwei Promille, also ein Promille der gesamten Beute, namentlich auch 32 Mädchen (Vers 40). Die Regel trifft keine Aussage über das geraubte Gold. Jeder der Kämpfer hat für sich selbst geraubt (Vers 53), aber ein Teil der Beute sammelt sich auch bei den Obersten der Hundertschaften und Tausendschaften. Nach der Schlacht stellen diese fest, dass es auf eigenenr Seite nicht einen einzigen Gefallenen gegeben hat, und sie geben den ihnen zufallenden Teil der Beute aus freien Stücken dem Herrn in Gänze als Opfer. Das ist der Inhalt des Verses oben. Es ist nicht wenig: die 16.750 Schekel (Lot) Gold wiegen etwa 190 Kilo. Ein Kilo Gold kostet heute etwa 58.000 Euro. 

Ein veritabler Genozid wird hier beschreiben, auf Anordnung Gottes, der selbst an der Beute beteiligt ist. Zu dem, was ich bereits in der Betrachtung zu BdW 19/2019 geschrieben habe, möchte hier einige Gedanken hinzufügen.

Gott ist nicht nur der Vater des Lichts, sondern Vater auch der Finsternis. Beides hat er geschaffen, beides verantwortet er. Das Leid in der Welt ist teilweise von Menschen gemacht, teilweise aber auch fest verdrahtet in Grammatik und Syntax unserer Welt, in Physik, Chemie und Biologie. Anfang der letzten Woche ist eine Nichte meiner Frau nach langem Kampf an multiplem Krebs gestorben. Sie hinterläßt zwei Kinder, eines davon geistig und körperlich schwer behindert und einen Ehemann, der für die Pflege und das Auskommen der Familie nun allein sorgen muß. Sie hinterläßt auch verzweifelte Eltern. Vor einiger Zeit, im Jahr 2017, wurde meine eigene Kusine bei einem Terroranschlag in Spanien getötet. Auch sie hinterließ zwei Kinder. Mir selbst und meinen beiden Kindern geht es gesundheitlich gut. Meine Frau hat im vergangenen Jahr eine Krebserkrankung überstanden. Grund genug für große Dankbarkeit, das weiss ich! Aber ich kann keine Regel oder Gerechtigkeit hinter diesem Bild erkennen.  

In Jesus wendet uns Gott seine liebende und erbarmende Seite zu. Jesus geht den Weg ins Herz der Finsternis Gottes und hindurch zur anderen Seite. Liebe und Erbarmen sind in der Welt, ja, sie gehören also zu dem Gott, der sie schuf. Aber von der dunklen Seite Gottes wird in der Bibel auch berichtet — die des strafenden und rächenden Gottes. Und die Welt, sie zeugt von dieser Seite. Die Bibel ist viel realistischer als unsere religiöse Praxis. Die Propheten erzählen von der strafenden und der heilenden Präsenz Gottes, manchmal unentwirrbar durcheinander. Den ungnädigen Gott haben wir vergessen, wir wollen ihn nicht sehen. Aber passt unser Gott dann noch zur Welt, die wir sehen? 

Wir können Gott nicht entfliehen, er ist immer da, auch in den Schützengräben und im Bombenterror der Ukraine. Aber welches Gesicht zeigt er uns? Die dunkle oder die lichte? Und an welches seiner Gesichter wenden wir uns? Mit Gott zu rechten ist nicht verboten, aber es ist sinnlos — Gott hat die Macht und mit der Macht auch das Recht. So sagt es uns das Buch Hiob.

Unsere Hoffnung kann nicht sein, dass es das alles nicht geben, dass Gott das alles nicht zulassen möge. Jeder neue Tag zeigt, dass diese Hoffnung trügt. Glaube kann etwas anderes tun. Er kann hoffen, dass die tödliche Seite dieser Welt in Gott irgendwie (!) aufgehoben ist. Mutiger und reiner Glaube muß das sein, denn Evidenz dafür gibt es nicht. Jemand sagte mir, dass Gott vielleicht manche Menschen bei sich haben möchte. Ja, vielleicht war es bei meinen beiden Kusinen so — vielleicht…! 

Wir sehen Gott, sein Licht und seine Finsternis. Psalm 139 singt dies so: 

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, 
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? 
Führe ich gen Himmel, so bist du da; 
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. 

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, 
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. 
Spräche ich: Finsternis möge mich decken 
und Nacht statt Licht um mich sein –, 
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, 
und die Nacht leuchtete wie der Tag. 

Finsternis ist wie das Licht.

Im Anschluß an die ersten vier Zeilen könnte es ganz andere Lieder geben. Ich kann sie durchaus hören, diese Lieder. Ich werde sie nicht singen. Das ist meine Entscheidung — frei, nicht erzwungen.

Amen.

Ulf von Kalckreuth