Bibelvers der Woche 29/2019

Da sie aber dieselbe dahin getragen hatten, ward durch die Hand des HErrn in der Stadt ein sehr großer Schrecken, und er schlug die Leute in der Stadt, beide, klein und groß, also daß an ihnen Beulen ausbrachen.
1 Sa 5,9

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Unverfügbarkeit

Diese Geschichte trägt archaisch-magische Züge. Im Kampf gegen die Philister, die mächtigen Erzfeinde an der Küste, erinnern sich die Israeliten an die Bundeslade. Sie soll ihnen zusätzliche Kraft verleihen und die Israeliten bringen sie aus dem Heiligtum in Silo an die Front. Die Schlacht nimmt für die Israeliten einen verheerenden Ausgang mit hohen Verlusten und die Philister erobern die Bundeslade. Aber wo auch immer diese die Lade dann hinführen, folgen Schrecken, Krankheit und Tod, namentlich in Aschdod und der Stadt Gat, auf die unser Vers sich bezieht. Schließlich geben die Philister auf. Auf einem führerlosen Wagen gezogen von zwei säugenden Kühen ohne Kälber, deren Euter prallvoll ist und die daher unentwegt brüllen, bewegt sich die Lade „von selbst“ zurück auf israelitische Gefilde. 

Die Lade gewinnt hier ein fast unheimliches Eigenleben. Man kann sagen, dass es mit den Philistern die Feinde Israels trifft — so weit, „so gut“. Aber im hebräischen Lager verhält sie sich nicht anders. Als sie nach Bet Schemesch zurückkehrt, und die Menschen dort „ihre Augen aufhoben, sahen sie die Lade und freuten sich, sie zu sehen“. Aber dann sterben 70 Menschen gerade deshalb, weil sie die Lade gesehen haben, und die Bewohner geben sie in Panik an die Ortschaft Kirjat-Jearim weiter. Später, bei der Überführung nach Jerusalem durch David, wird sein Knecht Usa getötet bei dem Versuch, einen Sturz der Lade vom Wagen aufzufangen: der Verstoß gegen das Verbot, die Lade zu berühren, wird sofort geahndet. David ist entsetzt und lässt die Lade im Hause eines Nicht-Israeliten aus Gat abstellen. Diesem aber gereicht die Lade sichtbar zum Segen. David fasst Mut und lässt sie schließlich doch nach Jerusalem bringen. 

Die Lade steht für den Bund der Israeliten mit ihrem Gott und gleichzeitig für seine Gegenwart. Sie enthält die Tafeln mit den zehn Geboten, dem Kern der Weisungen Gottes an sein Volk, darüber hinaus zeitweise auch den Aaronsstab und einen goldenen Krug mit Manna. Während der Wüstenwanderung war Gottes Gegenwart für die Israeliten in besonderer Weise in der Nähe der Lade wahrnehmbar. Der Gott der Israeliten war nicht an ein bestimmtes Territorium gebunden, er war mit den Menschen, wo immer auch diese hinzogen. Nicht unähnlich den Sippengöttern im Vorderen Orient, die von nomadisch lebenden Großfamilien herumgeführt wurden (BdW 2018/26 berichtet, wie Rahel seinem Vater Laban den Sippengott stiehlt.) Spätestens mit der Offenbarung am Sinai aber erklärt sich der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zum Gott eines ganzen Volks. In der Zeit der Wüstenwanderung ist dies kein Widerspruch: Gott begleitet und schützt sein Volk, wo auch immer es sich hinbewegt, und die mobile Lade markiert gleichzeitig seine Präsenz und seine Ortslosigkeit. Ein König war nicht nötig. Gott war König.          

Was wir nun sehen, mehrere Jahrhunderte später, ist nun aber beinahe ein Zerrbild der Wüstenwanderung: die Lade vollzieht ständige Ortswechsel, im Land der Philister und dem der Hebräer, begleitet von Schrecken und tödlichen Vorfällen. „A lose cannon“ könnte man auf Englisch sagen, eine aus ihrer Lafette gerissene Kanone, die im Schiffsrumpf Verwüstungen anrichtet, getrieben vom Wellengang des Schiffs. Was kann es damit auf sich haben?

Vielleicht ist es hilfreich, die Geschichte in den geschichtlichen Kontext zu stellen. Die Landnahme ist erfolgt, und die Stämme Israels befinden sich in dauernden militärischen Auseinandersetzungen mit ihren Nachbarn. Die Richterzeit neigt sich dem Ende zu. Bald wird Samuel, der Richter und Prophet, im Auftrag Gottes den ersten König Israels benennen. In dieser Zwischenzeit der beginnenden Staatlichkeit steht die Lade für etwas altes und wichtiges, das es nun nicht mehr geben soll. Das Volk will ein Territorium, feste Grenzen, gesicherte Städte und einen König mit stehendem Heer, der all dies garantieren soll. Das passt nicht zu dem Urbild des Zugs Gottes mit seinem Volk durch eine ortslose Wüste, in der die Menschen mit Wachteln und Manna vom Himmel und Wasser aus dem Felsen überleben.

Hinter der Bundeslade steht Gottes Ortlosigkeit, seine Unverfügbarkeit. Sie verträgt sich nicht mit einem Staatskult, für den im Gegenteil Erwartbarkeit und Regelbindung konstitutiv und unverzichtbar ist. 

In 1 Sam 8 wird die Ambivalenz dieser Bewegung hin zur Staatlichkeit überdeutlich. Aber es soll geschehen, und es geschieht. Am Ende führt Salomo aus, was David selbst nicht mehr gelingt: er baut in Jerusalem den Tempel, ein großes Zentralheiligtum. In seinem Inneren, im Allerheiligsten, wird die Bundeslade fest einmauert, maximal unzugänglich: nur einmal im Jahr wird dieser Raum von einem Priester betreten. Der Widerspruch ist erst einmal beseitigt. Oder wenigstens für lange Zeit scheinbar sicher weggesperrt. Denn schließlich wird der Tempel zerstört, ein erstes Mal durch die Babylonier, ein zweites Mal durch die Römer. Bei der ersten Zerstörung geht die Lade verloren, bei der zweiten auch die noch vorhandenen staatlichen Strukturen und der feste Ort für das jüdische Volk. 

In gewisser Weise ist dies ja eine Rückkehr zu den Anfängen: Juden wie Christen siedeln überall, ihr Gott ist mit ihnen wo auch immer sie sind und dies in erster Linie durch sein Wort. Der Thoraschrein in den jüdischen Synagogen überall auf der Welt erinnert an die Bundeslade mit den Tafeln, und der Tabernakel tut dasselbe bei den Katholiken.  

Der Vers mag uns an Gottes Unverfügbarkeit erinnern, und an die Kraft und Unzerstörbarkeit, die darin liegt. Und daran vielleicht, dass diese Unverfügbarkeit auch ungemütlich werden kann. 

Ich wünsche Euch eine gute Woche auf dem sonderbaren Weg mit Gott,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 29/2018

Und man setzte niemand, was er trinken sollte; denn der König hatte allen Vorstehern befohlen, daß ein jeglicher sollte tun, wie es ihm wohl gefiel.
Est 1,8

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Unser Vers steht am Anfang des Buchs Esther. Dieses Buch liest sich wie ein orientalisches Märchen. Schon nach der ersten Seite fühlt man sich in 1001 Nacht versetzt. Es lohnt sich, den Abschnitt zu lesen!

Der König Ahasversos von Persien, mächtiger Herr über eine Vielzahl von Reichen und Provinzen von Indien bis Kusch, feiert ein großes Fest. Alle sind eingeladen, Menschen aus dem ganzen Reich kommen. Hier setzt der Vers ein: Es soll an nichts fehlen, der König bestimmt, das jeder tun kann, was er will. Alle feiern mit. Alle? Nein, seine Frau Waschti will auch tun, was sie will und feiert ihr eigenes Fest mit den Frauen im Schloss. Von der Feier ihres Gemahls hält sie sich fern. 

Nach einer Woche erträgt es der König nicht länger. Er schickt sieben hohe Würdenträger zu Waschti, um sie öffentlich und offiziell auf sein Fest zu bitten. Aber ebenso öffentlich und offiziell lehnt sie ab. 

Die Sache kann nicht gutgehen. Das persische Reich ist eine orientalische Despotie, und das Patriarchat hat konstitutionellen Charakter. Obwohl der König sich seiner Sache nicht sicher zu sein scheint — er beruft seine Räte ein, aber deren Urteil ist eindeutig. Wenn das durchgehe, kümmere sich keine Frau im Reich mehr um das, was ihr Mann will! Waschti wird als Ehefrau verstoßen, mit einem eigens erlassenen Gesetz, das im ganzen Reich verlesen wird. Öffentlich und offiziell.

Zunächst einmal ist dies die Vorgeschichte des Auftritts der eigentlichen Heldin des Stücks. Überall sucht der König schöne Frauen als Nachfolgerinnen der liebreizenden Waschti, und die Jüdin Esther wird auserwählt und kann ihn heiraten. Durch geschicktes Taktieren und mutiges Eingreifen nutzt Esther ihre Position, um ihr Volk vor einer schrecklichen Verschwörung zu retten, einem geplanten Massenmord.

Von Waschti hören wir nichts mehr. Was war in ihr vorgegangen? Durch ihre öffentliche Antwort an die sieben Ministerialen hat sie de facto selbst die Scheidung eingereicht. De lege konnten dies nur die Männer. Aber im strengen Angesicht seiner Räte hat der große, öffentlich gedemütigte König in Wahrheit keine Wahl mehr. Der Preis ist hoch, Waschti verliert ihre Existenzgrundlage. Man kann sie dafür ein wenig bewundern. Man kann aber auch fragen, ob sie recht bei Sinnen war. Sie war eine starke Frau, die in einem entscheidenden Augenblick die Bedingtheiten ihrer Existenz vergessen hat — vielleicht auch eingeladen von dem gezogenen Vers: jeder sollte tun, was er will und wozu er Lust hatte.

Dieser Satz ist heute, als Forderung an das eigene Leben, nichts Geringeres als herrschende Ideologie: Wer es nachhaltig nicht schafft, zu tun, was er will und wozu er Lust hat, der hat versagt, ist nicht stark genug, macht etwas falsch — ein sichtbares Kriterium also für gelungenes Leben. 

Man kann mancherlei darüber denken. Wer dabei aber die zentralen Bedingtheiten seines Lebens vergisst, dem wird diese Forderung ohne weiteres zur Fahrkarte in den Untergang. Waschtis Nachfolgerin Esther war eine ebenso willensstarke Frau, die sich dieser Bedingtheiten aber in jedem Moment bewusst blieb und so wirklich Großes erreichen konnte. Vielleicht ist dies eine der Grundbotschaften des ganzen Buchs, und die arme Waschti spielt in Wahrheit eine viel wichtigere Rolle als die einer Komparsin in der Vorgeschichte. 

Ich wünsche uns eine gute Woche, mit Sinn für Möglichkeiten, Grenzen und Proportionen. 
Ulf von Kalckreuth